meandering soul

»Am Ende kommt meist sowas Absurdes wie ewige Liebe.«

Slip­ping Husband

Schon im Okto­ber letz­ten Jahres, bereits nach den ersten zaghaf­ten Worten, die Elisa­beth Rank zum aller ersten Jour Fitz aus ihrem Debu­troman „Und im Zwei­fel für dich selbst“ vorlas wusste ich, dass dies mal eines der Bücher werden wird, die man nicht nur ein mal und auch nicht nur zwei mal liest. Eines der Bücher, die man ein Leben lang hegt und pflegt, die man Menschen ans Herz legt die einem am Herz liegen. Etwas beson­de­res.
Etwas beson­de­res, so könnte man meinen, ist auch die Geschichte. Das ist sie aber eigent­lich nicht. Trau­rig, (zum Glück) selten, aber doch viel zu Häufig in der Reali­tät auftre­tend. Das schon. Aber nichts beson­de­res. Doch genau das ist der Punkt. Die gran­diose Darstel­lung des aus den Fugen geris­se­nen Alltags. Die Wieder­fin­dung des Selbst, wenn man alles hatte aber nichts mehr hat. Das Leben zurück­erobern, wenn auch schmerz­haft.
Es ist aller­dings keines­wegs ein Buch für jeden. Man kann, nein sollte es nicht lesen, wenn man Angst vor Gefüh­len hat, wenn man sich gerne hinter seiner Fassade versteckt und in seiner eige­nen klei­nen Welt lebt. Viel­leicht sollte man es aber auch gerade dann lesen. Viel­leicht aber gerade dann mit beson­de­rer Aufmerk­sam­keit.

Lesen. Unbe­dingt. Ohne Wider­rede!

Ich habe das letzte Kapi­tel noch nicht gele­sen. Ich habe Angst. Ich will nicht, dass es schon zu Ende ist, weil es zu schön ist um schon zu Ende zu sein. Ande­rer­seits heißt es ja immer, man soll aufhö­ren, wenn es am schöns­ten ist. Dass der schönste Abschnitt des Roma­nes zeit­gleich auch der trau­rigste ist muss bei einer Geschichte wie dieser so sein. Das ich irgend­wann fertig sein werde lässt in mir die Hoff­nung aufkei­men, irgend­wann, viel­leicht schon in nicht all zu ferner Zukunft, das nächste Buch von Frau Rank lesen zu können.

Und im Zwei­fel für dich selbst
Elisa­beth Rank
Suhr­kamp Nova

 

Writ­ings on the Wall

Oft wird behaup­tet, Weblogs und Tage­bü­cher seien das glei­che. Meist fühle ich beim Lesen solcher Sätze ganze Haus­wände an meine Stirn knal­len. Es ist nun mal nicht das glei­che. Nicht unbe­dingt jeden­falls.

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Tage­buch, Gedan­ken­buch, Notiz­buch oder auch nur Kalen­der­rand­krit­ze­leien – Wir alle machen uns seit Ewig­kei­ten Aufzeich­nun­gen über unsere Erleb­nisse. Manche mehr, manche weni­ger bewusst. Manch­mal stellt man auch erst Jahre später, beim Sortie­ren von irgend­wel­chen alten Sachen fest, dass man sich ja dieses eine tolle Erleb­nis, woran man immer mal wieder gerne zurück denkt, Einzel­hei­ten aber verges­sen hat, doch notiert hat.

Es ist also nichts neues, seine Gedan­ken oder Erleb­nisse fest­zu­hal­ten. Viele mehr oder weni­ger berühmte tage­buch­schrei­bende Menschen haben in der Vergan­gen­heit bereits ihre Tage­bü­cher entwe­der in hohem Alter selbst veröf­fent­licht, oder testa­men­ta­risch veran­lasst, dass diese nach dem Tode veröf­fent­licht werden. Der Inhalt der Tage­bü­cher gibt meist noch­mal einen gänz­lich ande­ren als den bisher bekann­ten Einblick in das Lebens­werk des Schrei­bers.

In Zeiten des World Wide Web hat sich das aller­dings ein wenig geän­dert. Heut­zu­tage kann jeder Mensch mit Zugang zum Inter­net jeder­zeit so ziem­lich alles veröf­fen­ti­chen. Nicht mal der Form sind wirk­lich Gren­zen gesetzt. Text, Bild, Ton, Video. Alles was möglich ist, ist auch erlaubt. An dieser Stelle treten dann so Phäno­mene wie Word­press, Twit­ter, Tumblr, Flickr, Blog­ger auf. An dieser Stelle über­schrei­tet man dann even­tu­ell den Punkt zwischen dem klas­si­schen, zu Lebzei­ten meist priva­tem Tage­buch und der öffent­li­chen Darstel­lung des Selbst.

Schon Gott­fried Keller wusste, dass Klei­der Leute machen. Heut­zu­tage sind es aber, nicht zuletzt aufgrund der Globa­li­sie­rung, mehr und mehr die Dinge die wir sagen, schrei­ben, fest­hal­ten, die uns ausma­chen, uns charak­te­ri­sie­ren. Die Dinge, die wir mit Hilfe der vorhin genann­ten Weban­ge­bote oder ande­rem hinter­las­sen bilden eine Spur unse­rer Gedan­ken. Helfen dabei nicht nur uns, sich später an erleb­tes zu erin­nern, sondern auch ande­ren mehr über uns heraus­zu­fin­den.

Ob dieses mehr heraus­fin­den nun Gut oder Schlecht ist sei jedem selbst über­las­sen. Ich zum Beispiel schreibe hier zwar unter einem Pseud­onym, aber es ist nicht sonder­lich kompli­ziert heraus­zu­krie­gen, wer sich dahin­ter versteckt. Was mir aber eigent­lich wich­tig ist, ist der „für andere“-Punkt. Das Tage­buch schreibt man selten für andere. Sei es nur, um sich selbst beim nach­den­ken zu helfen. Sobald man aber etwas auch expli­zit für die Augen ande­rer schreibt, fängt man plötz­lich an über das zu schrei­bende nach­zu­den­ken. In diesem Sinne kann man zwar durch­aus ein Weblog auch als klas­si­sches Tage­buch führen – mit der Option, dass es die Rest­welt sofort lesen kann – ich jedoch bin der Meinung, dass ein solches öffent­li­ches Tage­buch niemals vergleich­bar sein wird, mit dem, was man unter glei­cher Voraus­set­zung geschrie­ben hätte, wenn es nicht (sofort) öffent­lich wäre.

Schließ­lich finde ich die (post?) moder­nen Mittei­lungs­mög­lich­kei­ten nicht nur gut und rich­tig, sondern auch ausge­spro­chen wich­tig, weil dem Normal­bür­ger damit – soweit ich weiß erst­ma­lig in der Geschichte – die Möglich­keit gebo­ten wird, Ausmaß und Umfang der von ihm bekann­ten persön­li­chen Daten weitest­ge­hend selbst zu bestim­men.

 

Street Spirit (Fade Out)

Ein biss­chen was von allem. Viel­leicht sogar ein biss­chen zu viel. Musik hören ohne sie wahr­zu­neh­men. Vier­tel­stun­den zum lesen einzel­ner Buch­sei­ten brau­chen. Am Ende aufräu­men, weil man noch glaubt, dass es was brin­gen würde produk­tiv zu sein.
Dann ist das Zimmer so schick und schön wie seit der Jugend­weihe nicht mehr und trotz­dem fühlt sich nichts rich­tig an. Lachen kann man, aber nicht von Herzen. Weinen kann man viel­leicht auch, aber auch nicht von Herzen.
Ein biss­chen zu viel von allem. Einer dieser Tage, deren Abend­däm­merung man sich schon vor dem Aufste­hen alle fünf Minu­ten wünscht.

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=BrZTNhW44-o[/youtube]

 

Long Road to Ruin

Es sollte viel mehr gele­sen werden. Voral­lem sollte viel mehr analog gele­sen werden. Damit Bücher wie dieses nicht verges­sen werden. Damit ein wenig mehr Zeit für Kultur in dieser unse­rer kurz­le­bi­gen Welt bleibt. Damit mehr Zeit für die klei­nen Dinge da ist.

Chuck Palah­niuk dürfte den meis­ten, wenn über­haupt, als Autor von Fight Club bekannt sein. Fight Club. Die Film­le­gende. Genau. Chuck Palah­niuk hat aber auch noch andere Bücher geschrie­ben. Unter ande­rem Survi­vor.

[img src="chuck-palah­niuk-survi­vor-cover"]

The shor­test distance between two points is a time line, a sche­dule, a map of your time, the itine­rary for the rest of your life. Nothing shows you the straight line from here to death like a list.

Der Roman ist in keins­ter Weise normal. Es fängt an mit der Seiten­num­me­rie­rung und hört auf mit dem Ende. Es gibt keinen Satz in diesem Buch, den man nicht in irgend­ei­ner Lebens­lage zitie­ren könnte. Das Buch ist die perfekte Vorlage für eine der span­nen­de­ren Alter­na­ti­ven unse­res lang­wei­li­gen Lebens. Neben­bei lernt man Dinge über Haus­halts­füh­rung, die in keinem Lexi­kon stehen und erhält einen Blick hinter die Kulis­sen der moder­nen Skla­ve­rei.

Lest es! Sofort!

Survi­vor
Chuck Palah­niuk
Anchor­books

 

What we wanted

Ab und an kommt es im Leben eines jeden von uns mal vor, dass man Dinge sagt, die man später dann bereut. Als ich Animal Collec­ti­ve’s Merri­wea­ther Post Pavil­lion zu meinem Album des Jahres kürte war das einer dieser Momente. Also naja. Nicht ganz. Sowohl Animal Collec­tive als auch das Album sind groß­ar­tig, aber ich hatte im Moment des schrei­bens für einen klei­nen Augen­blick etwas noch viel groß­ar­ti­ge­res verges­sen: Einen der Newco­mer­ge­heim­tipps des letz­ten Jahres und eines meiner persön­li­chen Berlin Festi­val 2009 High­lights: Dear Reader.

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=r_NPQN3z_e0[/youtube]

Das Dear Reader Debut trägt den wunder­bar in die Zeit passen­den Titel „Replace Why With Funny“, erschien am 26. Februar letz­ten Jahres bei City Slang und erreichte meine Ohren über Pretty Much Amazing wenig später. Um es kurz zu machen: Es gibt wenige Musik­mo­mente die mich so mitge­ris­sen haben.

Die elf Titel des Albums sind alle­samt wunder­bar, sogar das Artwork kann sich sehen lassen und zu guter Letzt sind sie auch Live mit stre­cken­weise komplett ande­ren Arran­ge­ments unschlag­bar.

Hitpo­ten­tial aus Südafrika, was es so schon eine Weile nicht mehr gege­ben hat.

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=ThrWiHAlOxg[/youtube]

 

Boule­vard of broken dreams

  • 7 years ago veröffentlicht
  • Ein Kommentar
  • Erwartete Lesezeit: 01:41 min

Weiße Blät­ter immer wieder umdre­hen, von der einen auf die andere Seite und wieder zurück. Verges­sen, welche Seite nun Oben und welche Unten ist.

Was bleibt ist die Hoff­nung, dass man viel­leicht auf der ande­ren Seite doch etwas über­se­hen hat.
Natür­lich sind die Blät­ter nicht leer. Nein, das Wahr­neh­men des Inhal­tes ist nur schmerz­haf­ter als das Igno­rie­ren. Ausblen­den.

Viel­leicht nicht für immer, aber wenigs­tens bis es nicht mehr weh tut. Bis die Erin­ne­rung nur noch eine Erin­ne­rung ist.

Wenn es denn so einfach wäre.

Es geht nicht. Man kann Schrift nicht igno­rie­ren. Erst recht keine Hand­schrift. Schon gar nicht, wenn es um Liebe geht. Also liest man ihn doch, den Brief in dem alles erklärt wird. Bald wünscht man sich, es wäre nur Text auf den Blät­tern und kein Frei­raum dazwi­schen. Bald wünscht man sich, einfach nur Lesen zu können, das Gehirn abzu­schal­ten bis man fertig ist. Nicht die Schmer­zen zwischen den Zeilen zu denken. Denn jedes gedachte Gefühl wird gefühlt werden. Schnel­ler als einem lieb ist.
Hinter­her tut es am Ende doch nicht so viel mehr weh als man dachte. Denn am Ende blei­ben nur die Gedan­ken zwischen den Zeilen. Der Brief wert­los. Im Moment. Später, wenn man die Welt gese­hen hat und die Zettel zufäl­lig in einer verstaub­ten Ecke wieder­fin­det, dann erst erkennt man die Groß­ar­tig­keit dieses aller­ers­ten Abschieds­brie­fes der aller­ers­ten großen Liebe.

 

Motion Sick­­ness

  • 7 years ago veröffentlicht
  • 3 Kommentare
  • Erwartete Lesezeit: 01:19 min

Es geht ums wollen sollen. Oder auch nicht­wol­len sollen. Wahl­weise. Jeden Tag muss, darf, soll, kann man die Welt retten. Oder auch einfach etwas ganz bana­les tun. Wahl­weise.

Aber warum eigent­lich? Der innere Zwang des gesell­schaft­li­chen Zusam­men­le­bens gebie­tet uns, dass wir nicht nur vor uns hindö­sen und unse­rem einsa­men Dasein fris­ten. Das ist eines dieser Sinn-des-Lebens Probleme.

Immer und über­all werden Erwar­tun­gen gestellt. Mindes­tens genauso oft werden sie nicht erfüllt. Frei nach dem Motto: „Shit happens twice a day“ versucht man dann in der Regel einfach weiter­zu­le­ben und das wird schon alles irgend­wie gehen. Die meis­ten Probleme lösen sich ja sowieso von selbst. Früher oder Später. Wahl­weise eher später.

Ich finde den Erwar­tungs­ka­ta­log des Lebens durch­aus manch­mal belas­tend. Ja. Nervend. Weil man manch­mal einfach seine Ruhe braucht. Einfach mal nichts tun kann. Es ist ja meist gar nicht das Nicht­stun­wol­len. Nein, es ist das fehlende Buch im Regal oder die eine klem­mende Taste am Klavier, die mehr Kopf­zer­bre­chen berei­tet als man zuge­ben möchte. Die Nich­tig­kei­ten, über die man nach­den­ken muss.

Das Leben.