meandering soul

»Am Ende kommt meist sowas Absurdes wie ewige Liebe.«

Writ­ings on the Wall

  • 9 years ago veröffentlicht
  • Erwartete Lesezeit: 04:10 min

Oft wird behaup­tet, Weblogs und Tage­bü­cher seien das glei­che. Meist fühle ich beim Lesen solcher Sätze ganze Haus­wände an meine Stirn knal­len. Es ist nun mal nicht das glei­che. Nicht unbe­dingt jeden­falls.

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Tage­buch, Gedan­ken­buch, Notiz­buch oder auch nur Kalen­der­rand­krit­ze­leien – Wir alle machen uns seit Ewig­kei­ten Aufzeich­nun­gen über unsere Erleb­nisse. Manche mehr, manche weni­ger bewusst. Manch­mal stellt man auch erst Jahre später, beim Sortie­ren von irgend­wel­chen alten Sachen fest, dass man sich ja dieses eine tolle Erleb­nis, woran man immer mal wieder gerne zurück denkt, Einzel­hei­ten aber verges­sen hat, doch notiert hat.

Es ist also nichts neues, seine Gedan­ken oder Erleb­nisse fest­zu­hal­ten. Viele mehr oder weni­ger berühmte tage­buch­schrei­bende Menschen haben in der Vergan­gen­heit bereits ihre Tage­bü­cher entwe­der in hohem Alter selbst veröf­fent­licht, oder testa­men­ta­risch veran­lasst, dass diese nach dem Tode veröf­fent­licht werden. Der Inhalt der Tage­bü­cher gibt meist noch­mal einen gänz­lich ande­ren als den bisher bekann­ten Einblick in das Lebens­werk des Schrei­bers.

In Zeiten des World Wide Web hat sich das aller­dings ein wenig geän­dert. Heut­zu­tage kann jeder Mensch mit Zugang zum Inter­net jeder­zeit so ziem­lich alles veröf­fen­ti­chen. Nicht mal der Form sind wirk­lich Gren­zen gesetzt. Text, Bild, Ton, Video. Alles was möglich ist, ist auch erlaubt. An dieser Stelle treten dann so Phäno­mene wie Word­press, Twit­ter, Tumblr, Flickr, Blog­ger auf. An dieser Stelle über­schrei­tet man dann even­tu­ell den Punkt zwischen dem klas­si­schen, zu Lebzei­ten meist priva­tem Tage­buch und der öffent­li­chen Darstel­lung des Selbst.

Schon Gott­fried Keller wusste, dass Klei­der Leute machen. Heut­zu­tage sind es aber, nicht zuletzt aufgrund der Globa­li­sie­rung, mehr und mehr die Dinge die wir sagen, schrei­ben, fest­hal­ten, die uns ausma­chen, uns charak­te­ri­sie­ren. Die Dinge, die wir mit Hilfe der vorhin genann­ten Weban­ge­bote oder ande­rem hinter­las­sen bilden eine Spur unse­rer Gedan­ken. Helfen dabei nicht nur uns, sich später an erleb­tes zu erin­nern, sondern auch ande­ren mehr über uns heraus­zu­fin­den.

Ob dieses mehr heraus­fin­den nun Gut oder Schlecht ist sei jedem selbst über­las­sen. Ich zum Beispiel schreibe hier zwar unter einem Pseud­onym, aber es ist nicht sonder­lich kompli­ziert heraus­zu­krie­gen, wer sich dahin­ter versteckt. Was mir aber eigent­lich wich­tig ist, ist der „für andere“-Punkt. Das Tage­buch schreibt man selten für andere. Sei es nur, um sich selbst beim nach­den­ken zu helfen. Sobald man aber etwas auch expli­zit für die Augen ande­rer schreibt, fängt man plötz­lich an über das zu schrei­bende nach­zu­den­ken. In diesem Sinne kann man zwar durch­aus ein Weblog auch als klas­si­sches Tage­buch führen – mit der Option, dass es die Rest­welt sofort lesen kann – ich jedoch bin der Meinung, dass ein solches öffent­li­ches Tage­buch niemals vergleich­bar sein wird, mit dem, was man unter glei­cher Voraus­set­zung geschrie­ben hätte, wenn es nicht (sofort) öffent­lich wäre.

Schließ­lich finde ich die (post?) moder­nen Mittei­lungs­mög­lich­kei­ten nicht nur gut und rich­tig, sondern auch ausge­spro­chen wich­tig, weil dem Normal­bür­ger damit – soweit ich weiß erst­ma­lig in der Geschichte – die Möglich­keit gebo­ten wird, Ausmaß und Umfang der von ihm bekann­ten persön­li­chen Daten weitest­ge­hend selbst zu bestim­men.