Blame it on the Tetons

Apr 19 2010

Language is the liquid
That we’re all dissolved in
Great for solving problems
After it creates a problem

Modest Mouse

Sprache ist nicht unbedingt das sinnvollste Thema für einen Blogeintrag. Eigentlich ist Sprache gar kein sinnvolles Thema. Was will ich eigentlich sagen? Wenn ich das wüsste würde ich diesen Eintrag hier wahrscheinlich gar nicht verfassen. Im Grunde genommen steht in diesen vier Zeilen von Modest Mouse schon alles drin, was es über Sprache zu sagen gibt. Genau genommen reichen sogar die letzten beiden Zeilen. Denn alles, wirklich alles im Leben lässt sich im Endeffekt auf Probleme und Problemlösungen herunterbrechen. Und auf Kommunikation. Im Laufe der Evolution haben wir Menschen uns eine im großen und ganzen recht komfortable Möglichkeit angelegt unsere Gedanken zu äußern. Wir lernten Sprechen. Später dann Lesen und Schreiben.

Doch was nützt die Fähigkeit etwas auszudrücken, was man nicht begreifen kann? Was sind Gedanken wert, wenn man sich stundenlang darüber streiten kann, was eigentlich Gedanken sind? Oder anders gesagt: Was macht uns so besonders, dass wir davon sprechen zu sprechen, zu denken, zu glauben, überhaupt Meinungen haben und bilden zu können, all diese abstrakten, nicht auf motorische, sichtbare Handlungen rückführbaren Aktionen, die wir im Laufe unseres Lebens ausführen.

Ehrlich gesagt weiß ich es nicht. 42 ist mit Abstand die genaueste und zuverlässigste Antwort die ich geben kann. Und selbst die ist noch ziemlich wage.

Wenn man Meyers Konversationslexikon (4. Auflage, Leipzig und Wien 1890) fragt, landet man schnell bei Wilhelm von Humboldt und seiner doch irgendwie treffenden Definition der Sprache, welche “die ewig sich wiederholende Arbeit des menschlichen Geistes, den artikulierten Laut zum Ausdruck des Gedankens fähig zu machen” (Meyers, Bd. 15, S. 178) ist. Doch dann kommt schnell die nächste Frage, der nächste Gedanke: Was eigentlich sind Gedanken? Wenn es um die Beantwortung solcher Fragen geht, begiebt man sich bekanntermaßen am Besten zu der Wissenschaft, die sich schon seit tausenden Jahren exakt diese Fragen stellt. Zu den Philosophen. Im “Historischen Wörterbuch der Philosophie” (Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, Basel 1995) heißt es:

Im Deutschen hat das Wort <S.> zwei Bedeutungsfelder. <S.>, allgemein verstanden, bezeichnet in einem umfassenden Sinn den gesamten Bereich dessen, was mit der Äußerung von Vorstellungen, mit Ausdruck, Appell und Mitteilung sowie mit Formen und Materialien, Medien und Techniken usw. zu tun hat: Sprechen und artikuliertes Denken, Worte und Wörter, Satz und Text, ferner Stimme, Laut und Schrift [...]
HWPh, Bd. 9, Sp. 1437

Das ist doch schon um einiges greifbarer. Sprache ist also ein Mittel, was nicht nur dazu da ist Gedanken auszudrücken. Irgendwie tröstlich. Bleibt die Frage, wie sich Sprache zu Bewusstsein verhält, oder: Denken wir in der selben Sprache in der wir Sprechen und wenn ja, ist das eine bewusste Entscheidung, wenn nein, ist unser Verständnis der Aussagen innerhalb des Körpers – also in unserem Bewusstsein – ein anderes, weil in einer anderen Sprache gedacht, als das Verständnis, welches außerhalb ankommt?

Ich glaube, ich werde hier zu keinem endgültigen Schluss kommen. Wahrscheinlich ist dies auch gar nicht möglich. Denn wie soll man etwas definieren, was man benötigt um die Definition überhaupt formulieren zu können.

Oder um es mit den Worten des – auch anderweitig für diesen Artikel sehr inspirierenden – @Weiszklee zu sagen:

Wir haben ja nur unser aus Wörtern gebautes Bewusstsein, um über die Wörter und das Bewusstsein nachzudenken. Das kann nichts werden.
@Weiszklee

5 responses so far

  1. Ich glaube, Sprache ist die Kleidung der Gedanken. Aber die Gedanken selbst existieren nicht in der Sprache. Sie gehen nur nicht aus dem Haus ohne sie.
    Geboren werden sie nackt und dann schreien sie und treten um sich, also gibt man ihnen etwas warmes zum anziehen, weil man dieses Rumgeplärre sonst nicht lange aushalten würde und manchmal macht man dann die Tür auf und lässt sie draußen spielen. Hin und wieder machen sie sich dabei die Kleidung dreckig. Oft werden sie da draußen erwachsen und brauchen neue Sprachklamotten. Manchmal haben Gedanken seltsame Proportionen und man findet einfach nicht die richtigen Sachen dafür also müssen sie drinnen bleiben oder können nur in zu kleinen Klamotten raus und werden ausgelacht.
    Manche Gedanken kommen auch mit einer tödlichen Krankheit auf die Welt und sterben, bevor man sie überhaupt in Sprache kleiden kann. (Nicht selten haben diese Gedanken dann ein fehlerhates Gefühls-Gen).
    Und es kommt auch vor, dass die Gedanken an sich ganz hübsch anzusehen sind und man selbst aber den Schlüssel für den Klamottenschrank verlegt hat, also schweigt man eben lieber, als sie nackt rauszulassen (egal, wie hochsommerig und sichtgeschützt es da ist).

    Ach, ich missbrauche schon wieder fremde Kommentarfunktionsdinger für eigene halbe Bloginträge.
    Sorry.

  2. Ich traue mich kaum, Kritik anzubringen, wenn ich hier so formschön zitiert werde, aber trotzdem:

    “Im Laufe der Evolution haben wir Menschen uns eine im großen und ganzen recht komfortable Möglichkeit angelegt unsere Gedanken zu äußern. Wir lernten Sprechen. Später dann Lesen und Schreiben.” – Das kann so nicht stimmen, Sprache haben die Menschen schon solang man sie als Menschen bezeichnen kann. Und keineswegs dient Sprache wesentlich oder ursprünglich dazu, Gedanken auszudrücken. Sprechen konstituiert Gemeinschaft, das ist der Ursprung. Der Mensch ist ein soziales Wesen, lang bevor er ein denkendes Wesen ist (sowohl evolutionär betrachtet als auch mit Blick auf die frühkindliche Entwicklung), Sprache dient zuerst der Kommunikation (Kommunikation _nicht_ verstanden als sachlichen Informationsaustausch), und die Kommunikation setzt uns die Sprache und die Konzepte in den Kopf, die dann in ihm weiterarbeiten, welche Weiterarbeit man allgemein als Denken bezeichnet.

  3. Ich hatte schon kurz darüber nachgedacht als ich diesen Satz schrieb. Ob das wirklich so ist, oder vielleicht genau andersrum. Ich glaube aber, dass es so wie ich diesen Satz schrieb durchaus treffend ist. Kommunizieren können wir ja schließlich auch ohne Sprache. Das können alle Lebewesen. Auf die eine oder andere Art äußern wir (“wir” als Lebewesen) unsere Anliegen. Die meisten können wir (“wir” als Menschen) so wir denn wollen sogar auch (noch) ohne Zuhilfenahme des Werkzeuges Sprache kommunizieren. Doch manches, manches braucht Worte um Sinn zu ergeben.

  4. Tja, genau da sind wir bei genau der unbeantwortbaren Frage, ob wir die Mittel für die komplizierteren Zwecke entwickeln, oder ob die Mittel, mit der kompliziertere Zwecke verfolgt werden können, erst kompliziertere Zwecke hervorbringen.

    Brauchten wir die Sprache für unsere komplizierteren Zwecke, oder verfolgen wir die komplizierten Zwecke nicht nur, weil die Sprache uns dazu befähigt?

    Und, weniger abgehoben, aktueller, einfacher: Reagieren neue Produkte auf einen Bedarf, oder schaffen sie sich ihren Bedarf erst? Wollten wir das, was wir mit einem neuen Computerprogramm machen wollen, auch schon machen, bevor das Programm existierte oder zumindest möglich/denkbar war?

    Ich will diese Fragen nicht entscheiden, aber ich nehme mir heraus, eindeutige, zu einfache Antworten zu negieren. Sozusagen.

  5. ich strecke die waffen vor eurem diskurs, klaus und efrane. da kann ich nicht mithalten. obwohl er innerhalb der mauern der sprache bleibt, also der dialog.

    bei zahlen kam mal ein ähnliches problem auf:
    “nicht alles, was gezählt werden kann, zählt. und nicht alles, was zählt, kann gezählt werden”. quelle weiss ich nicht, christian oder alfons einstein. irgendwie so.

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