meandering soul

»Am Ende kommt meist sowas Absurdes wie ewige Liebe.«

Birds

  • 8 years ago veröffentlicht
  • Erwartete Lesezeit: 09:38 min

Den Titel eines Liebes­lie­des für einen Text über Twit­ter zu wählen mag Nicht­nut­zern etwas selt­sam vorkom­men. Doch genau das ist es: Liebe pur. Die meis­ten sozia­len Netz­werke sind entwe­der asoziale Grup­pen­sam­mel­hau­fen oder über­so­ziale Alles­sam­mel­hau­fen. Allge­mein: Sammel­hau­fen.

Nicht so Twit­ter. Schon allein auf Grund des 140-Zeichen Forma­tes der hinter­leg­ba­ren Nach­rich­ten geht nicht alles immer einfach so, wie es sonst fast über­all geht. Wenn man beispiels­weise nur mal das Einfü­gen eines Bildes auf Face­book und Twit­ter vergleicht. Die eine Platt­form blen­det es sofort ein, über­flu­tet den Anwen­der so häufig mit Infor­ma­tion, die er so mögli­cher­weise gar nicht haben will. Bei Twit­ter dage­gen kann man nicht einfach so ein Bild einfü­gen, man kann höchs­tens einen Link zu einem Bild einfü­gen. Neulin­gen erscheint dies, genauso wie bei YouTube Videos und eigent­lich jegli­chem ande­ren Inhalt, meist wenig sinn­voll und schon gar nicht intui­tiv. Womög­lich ist es das auch nicht.

Doch gibt es diverse Hilfs­mit­tel, die versu­chen Licht ins Dunkel und Leich­tig­keit ins Leben im Netz zu brin­gen. Allen voran seien an dieser Stelle Twit­pic, img.ly, yfrog und Konsor­ten genannt, Websei­ten die sich darauf spezia­li­siert haben Bilder (und teil­weise auch Videos) so aufzu­be­rei­ten, dass sie so einfach wie möglich in einer Twit­ter­nach­richt veröf­fent­licht werden können. Mitt­ler­weile haben sehr viele der altbe­kann­ten Medi­enan­bie­ter ähnli­che Funk­tio­na­li­tät einge­rich­tet. Nun also noch mal zur Einfach­heit: Auf den ersten Blick scheint die Bild­sa­che kompli­ziert, auf den zwei­ten ist sie nicht wesent­lich umständ­li­cher als zum Beispiel auf Face­book.

Soviel zu Multi­me­dia. Was ist mit Links zu Blog­ar­ti­keln, Nach­rich­ten, dem ganzen Rest?

Man könnte die aktu­elle Phase des Inter­nets in diesem Zusam­men­hang mit „The dawn of the URL Shor­te­ner“ verfil­men, wenn man das Inter­net verfil­men könnte.
Aus der Tatsa­che heraus, dass die meis­ten Webadres­sen einfach zu lang sind um sie „mal eben kurz weiter­zu­ge­ben“ entstand vor eini­ger Zeit die Moti­va­tion für Dienste, die aus langen URLs kurze bilden, die dauer­haft und eindeu­tig auf die Origi­nale weiter­lei­ten – URL Shor­te­ner. Tinyurl, Bit.ly und is.gd seien hier stell­ver­tre­tend genannt. Das zu den Werk­zeu­gen.

Was macht man nun damit und mit den 140 Zeichen und was sind über­haupt Friends und Follower und was haben diese @'s zu bedeu­ten und warum um
Himmels Willen hat der eigent­lich am Anfang von Liebe gespro­chen?

Also immer der Reihe nach. Was man damit macht sollte eigent­lich klar sein, man gibt Infor­ma­tion weiter. Was genau bleibt jedem selbst über­las­sen, schließ­lich haben wir ja (noch) sowohl freien Willen als auch freie Meinung. Aller­dings, so wird sich der Neuling fragen, ist es doch rela­tiv sinn­los, einfach irgend­wel­chen „Mist“ in diese kleine Box zu schrei­ben, wenn das keiner liest. Da hat der Frager auch recht. Deswe­gen sucht man sich seine Gefolg­schaft. Das ist der kriti­sche Punkt des Twit­terns: Wen will man lesen und vor allem, von wem wird man gele­sen? Erste­res kann man recht leicht selbst beein­flus­sen, schon bei der Anmel­dung kriegt man ein paar Nutzer des Netz­wer­kes empfoh­len, über diese wird man schnell auf weitere „Follower“ aufmerk­sam werden. Zwei­te­res jedoch ist nicht wirk­lich selbst­be­stimm­bar. Das ist die Einstiegs­hürde, eine Stamm­le­ser­schaft zu finden, von der man gele­sen wird, die „Friends“ oder auch „Follo­wi­ngs“. Wenn man jedoch konti­nu­ier­lich neues schreibt kommen die Leser von ganz allein.

Bisher war das alles noch ziem­lich unso­zial, nicht viel mehr als eine öffent­li­che Gedan­ken­samm­lung ohne sicht­ba­ren Mehr­wert, wenn man es genau nimmt. Jetzt wird es lang­sam inter­essant. Wenn man nun schreibt und liest was andere schrei­ben, dann kommt ab und an – natür­li­cher­weise – ein Reak­ti­ons­be­dürf­nis auf. Dafür gibt es in der Twit­ter­kul­tur verschie­dene Möglich­kei­ten. Beim Namen genannt wären das @-Replys, Retweets, Replys ohne @ (indi­rekte Rede sozu­sa­gen) und Direkt­nach­rich­ten. Was verbirgt sich dahin­ter? Kurz gesagt: Der soziale Aspekt. Durch Reak­tio­nen auf geschrie­be­nes (Replys und Direkt­nach­rich­ten) können mehr oder weni­ger lange Diskus­si­ons­fä­den entste­hen, man lernt neue Ansich­ten und Menschen kennen. Meist schnel­ler und unkom­pli­zier­ter, als dies anderswo geht. Man könnte an dieser Stelle den Vergleich mit einem anti­ken Forum anstel­len, wo sich alles versam­melt hat, um über die aktu­el­len Themen zu disku­tie­ren, zu philo­so­phie­ren, oder einfach nur dem Spek­ta­tel beob­ach­tend beizu­woh­nen, einfach so, mit den ande­ren Anwe­sen­den. Manch­mal gibt es dann Aussa­gen, die von größe­rer Wich­tig­keit sind, die weiter­trans­por­tiert werden müssen. Aus diesem Grunde sind Re-Tweets entstan­den, Wieder­ho­lun­gen eines Tweets eines ande­ren, um die Nach­richt auch an die eige­nen Leser weiter­zu­ge­ben und so mehr Menschen zu errei­chen, als es einem einzel­nen möglich wäre. Das ist zwar das moderne Forum, aber immer noch die Ober­flä­che.

Unter der Haube gibt es dann Erschei­nun­gen, die man im Allge­mei­nen unter dem Mem-Phäno­men zusam­men­fas­sen kann. Kurz gesagt ist ein Mem eine Idee, ein Gedanke, insbe­son­dere auf Twit­ter häufig Anhäu­fun­gen von Unmen­gen von Tweets zum glei­chen Thema. Häufig werden diese dann mit einem bestimm­ten soge­nann­ten Hash­tag markiert. Hash­tags sind diese Worte oder Zeichen­kom­bi­na­tio­nen die mit einem Rauten­zei­chen am Anfang gekenn­zeich­net werden. Die sehen auf den ersten Blick etwas kryp­tisch aus, helfen aber unge­mein dabei den Über­blick zu behal­ten.

Schließ­lich und endlich fehlt jetzt für den Nicht­nut­zer immer noch diese komi­sche Liebe, von der ich da sprach. Denn wer einmal etwas tiefer hinein­ge­schnup­pert hat, in die kleine große bunte Welt von Twit­ter, der wird wissen, was ich meine. Es sind die vielen Menschen, die es tagtäg­lich und immer wieder schaf­fen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern mit ihren Botschaf­ten voller Glück und Freude, Botschaf­ten von oft weit weni­ger als den zuge­las­se­nen 140 Zeichen. Es sind diese Menschen, die man nur aus ihren geschrie­be­nen Worten kennt und doch nur allzu oft entsteht zu eini­gen von ihnen eine Bindung, als ob man sie schon immer kennen würde – mutual weird­ness sind die Worte, die diesen Zustand für mich am Besten beschrei­ben. Gleich­zei­tig ist die Liebe zu Twit­ter für mich aber auch die Liebe zum Detail. Und eben nicht nur das Detail im schö­nen Zeit­ver­treib, sondern auch das Detail im Fest­hal­ten von Nach­rich­ten und vor allem in der Regel auch in Sachen Korrekt­heit der Infor­ma­tion. Trotz­dem wird eigent­lich nie der Witz aus dem Auge verlo­ren, immer versucht einen Weg zu finden den grauen Alltag so gut wie eben möglich einzu­fär­ben.

Bleibt noch eine Frage: Warum hab ich das hier alles geschrie­ben?

Irgend­wann entdeckte ich Twit­ter.com und rela­tiv bald wusste ich zumin­dest was es an tech­ni­schen Möglich­kei­ten bietet. Dann habe ich mich einfach mal ange­mel­det. Am Anfang hab ich von dem groß­ar­ti­gen „Leben“, von dem sozia­len Netz­werk Twit­ter, nicht viel mitbe­kom­men, kannte fast keinen derer denen ich folgte persön­lich, lebte in einer Blase. Mit der Zeit dann brach diese Blase und ich entdeckte die eigent­li­che Groß­ar­tig­keit von Twit­ter. Seit­dem kann ich mir ein Leben ohne nicht mehr vorstel­len. Nicht unbe­dingt, weil mir die Witze fehlen würden, oder weil ich beson­ders wich­tige Infor­ma­tio­nen nur bzw. am besten über diesen Weg kriege, nein, viel mehr, weil mir der Kontakt zu den vielen groß­ar­ti­gen Menschen fehlen würde, die mir tagtäg­lich zeigen, dass es einfach immer auch etwas ande­res als die eige­nen Gedan­ken gibt, dass diese aber nichts­de­sto­trotz immer wich­tig sind. Ebenso würde mir auch dieser beson­dere Kanal zur eige­nen Mittei­lung fehlen. Man hat tagein tagaus so viele winzige Gedan­ken. Es ist wunder­bar und wich­tig teilen zu können. Twit­ter ist ein – nicht nur prak­ti­scher – Weg dies zu tun.

Teilen. (Fast) alles.