meandering soul

»Am Ende kommt meist sowas Absurdes wie ewige Liebe.«

Manuel

  • 8 years ago veröffentlicht
  • Erwartete Lesezeit: 02:15 min

Er hatte die Blät­ter wieder auf den Tisch gewor­fen, unacht­sam, Knicke provo­zie­rend. Viel­leicht sollte er einfach erst­mal raus gehen, ein, zwei, drei Mal um den Block laufen, atmen und die fünf Seiten dann noch einmal lesen. Das kann sie doch nicht so meinen.

Doch Marie meinte jedes Wort in dem Brief, bis auf eines. Liebe. Die meinte sie nicht mehr. Sie hatte versucht, über viele Absätze hinweg, zu erklä­ren, warum, zu erklä­ren, was fehlt und insbe­son­dere zu erklä­ren, was ist und was blei­ben sollte.

Manuel hatte alles verstan­den bis auf diese eine Sache. Sie waren doch so glück­lich gewe­sen. (Ich war glück­lich Manuel, ich bin glück­lich, ich will mit dir weiter­hin glück­lich sein.) Warum, wie konnte, wie will Marie glück­lich mit ihm sein, wenn sie nicht mehr mit ihm sein will? Er versuchte zu verste­hen. (Du hast mich immer verstan­den, und wenn du mal nicht wuss­test, was zu tun ist, oder wie du helfen kannst, hast du trotz­dem nicht aufge­ge­ben, sondern versucht eine Lösung zu finden.) Dies­mal verstand er nicht. Dieses eine Mal verstand Manuel Marie nicht. Nicht weil er nicht gekonnt hätte, nein, er wollte nicht. Er wollte nicht, dass sie aus seinem Leben ging. Hätte er doch nur etwas weni­ger zwischen den Zeilen gele­sen.

(Die Haupt­folge meines Entschlus­ses hast du sicher schon — wie immer — heraus gele­sen, doch sollst du, falsch, musst du wissen, dass ich dich nicht loslas­sen können werde, so sehr ich es zu wohl unser beider Wohl eigent­lich sollte.) Da war sie, diese eine Stelle, kurz vorm Ende der vier­ten Seite, die Manuel beharr­lich über­le­sen hatte. Doch genau dort war die Stelle, an der es Marie nahezu gelun­gen war zu schrei­ben, was sie wollte. Dass sie ihn nicht verlie­ren wollte, aber große Angst davor hatte, weil sie sah, wie er sich verän­derte, stand nicht darin. Marie hatte die Hoff­nung, dass er das recht­zei­tig merken würde, wenn nicht, würde sie warten, verges­sen war keine Option.

(Ich werde nicht aufhö­ren können, an dich zu denken und mir regel­mä­ßig sinn­los Sorgen zu machen. Nicht mal, wenn du mich genau darum bitten soll­test. Es geht einfach nicht.)