meandering soul

»Am Ende kommt meist sowas Absurdes wie ewige Liebe.«

Nina

  • 8 years ago veröffentlicht
  • Erwartete Lesezeit: 01:56 min

Die letz­ten zaghaf­ten Oktober­son­nen­strah­len bahn­ten sich gerade ihren Weg an das verstaubte Fens­ter, zum Eindrin­gen bereits zu schwach. Innen fehlte es auch nicht an Licht oder Wärme. Nur an Nähe.

„Nina.“ stand auf der Post­karte. Vorne drauf war eine Herbst­land­schaft abge­bil­det. Nicht unähn­lich derer, die drau­ßen vom Abend­ne­bel gefan­gen genom­men wurde.

„Nina?“ stöber­ten die Gedan­ken wie der die Blät­ter herun­ter zwin­gende Wind durch seinen Kopf. Er konnte sich erin­nern. An jede einzelne Sekunde. Als sei es gestern gewe­sen. Dabei war das gar nicht sein Leben. Nina war das Mädchen aus seiner Lieb­lings­ge­schichte. Geschich­ten schi­cken norma­ler­weise keine Post­kar­ten. Darauf brauchte er erst­mal eine große Tasse Tee.

„Hallo,

wir kennen uns nicht und doch haben wir uns schon unzähl­bar oft getrof­fen. Ich weiß nichts über dich, nur vermu­ten kann ich, dass du mich magst. Die Seiten, auf denen ich geschrie­ben stehe, sind alt gewor­den. Zerschlis­sen beinahe. Deswe­gen wende ich mich an dich, meinen liebs­ten, treues­ten, vorsich­tigs­ten Leser. Den, der schon so lange und uner­schüt­ter­lich versucht, mich zu ergrün­den, mich zu verste­hen. Doch schau, ich möchte dir ein großes Geheim­nis und ein klei­nes Geheim­nis verra­ten: Wenn Auto­ren ein Werk vollen­det haben, verra­ten sie diesem, was es ist, doch leider, leider war mein Autor ein biss­chen verrückt, denn er kam damals zu mir und sagte: Du bist nicht, wer du sein soll­test, wirst nie, wer du sein woll­test, und doch kannst du alles schaf­fen. Ich kann mir deinen verwirr­ten Blick gerade gut vorstel­len. Ich bin es auch. Darum eine Bitte: Kauf ein neues Exem­plar von mir, ich gehe kaputt.

Nina.“