meandering soul

»Am Ende kommt meist sowas Absurdes wie ewige Liebe.«

Rien ne va plus

  • 8 years ago veröffentlicht
  • Erwartete Lesezeit: 02:51 min

Du sitzt am Fens­ter und betrach­test die Welt um dich herum. Neben dir stehen leere Tassen. Einige mit Kaffee­rand, einige mit Teerand, eine mit Pelz. Du sitzt schon eine ganze Weile dort. Mehr oder weni­ger reglos. Sprach­los. Worauf du wartest, weißt du wahr­schein­lich selbst nicht, zumin­dest bist du dir nicht sicher. Sonst würdest du nicht warten. Du gehörst nicht zu denen, die warten, wenn sie keine Zwei­fel mehr haben.

Seit Stun­den gehe ich in kürzer werden­den Abstän­den nach dir sehen. Schaue nach, wie es dir geht, versu­che heraus­zu­krie­gen, ob ich dir helfen kann. Irgend­wie. Irgend­was. Hoffent­lich bald. Ich hoffe das weni­ger für mich, als für dich, der Anblick deiner Augen, deiner verlo­re­nen, bestän­dig suchen­den Augen, trifft mich, berührt mich tiefer und nach­hal­ti­ger als alles andere, was jemals war. Ich weiß nicht mehr wie lange wir uns schon kennen, Ewig­keit ist da zumin­dest kein all zu falscher Ansatz, doch noch nie, niemals habe ich dich oder irgend­je­mand ande­ren so verlo­ren, verlas­sen, verzwei­felt, ver-alles gese­hen.

Meis­tens ändern sich die Dinge nur, wenn man gerade mal unauf­merk­sam ist. Da zwin­kert man einmal kurz mit einem halben Auge und schon hat sich die Welt gedreht. Zwei­mal. Du zwin­kerst nicht. Du möch­test nicht unauf­merk­sam sein. Keine Sekunde verpas­sen, exakt den Moment einfan­gen, in dem sich alles ändern wird. Seit ein paar Minu­ten erst ist mir das klar gewor­den. Bis eben noch dachte ich, du wartest, um zu verges­sen. Doch du willst nicht verges­sen, du willst alles in dich aufsau­gen, spei­chern, bis in alle Ewig­keit in den tiefs­ten Ecken deines Herzens verwah­ren – wofür? Um später mal zu wissen, dass du die rich­tige Entschei­dung getrof­fen hast? Um hier sitzen zu können, solange, bis alles um dich herum mit dir trau­ert? Um zu verar­bei­ten, was passiert ist?

Ich stehe in der Küche und setze gerade frischen Tee auf, als ich merke, wie du dich an mich anschmiegst und leise, ganz leise anfängst zu erzäh­len. Wenn das Herz „Rien ne va plus.“ sagt, fängt man an, seine Geschichte zu erzäh­len. Dann gibt es keine frem­den Erleb­nisse mehr, die wich­tig schei­nen, keine Nacher­zäh­lun­gen von alten Geschich­ten, einzig das eigene Leben will erzählt werden. Episode für Episode, jede Klei­nig­keit, jedes Erleb­nis möchte raus, frei sein, verstan­den werden. Die meis­ten Dinge kann man erst verste­hen, wenn man sie erzählt hat.

Die Teebeu­tel liegen noch immer auf dem Tisch und das gekochte Wasser ist schon seit langem wieder kalt gewor­den, es ist keine Teezeit mehr, ich bin auf der Suche nach den Fragen zu deinen Antwor­ten.