meandering soul

»Am Ende kommt meist sowas Absurdes wie ewige Liebe.«

Das Café

  • 7 years ago veröffentlicht
  • Erwartete Lesezeit: 04:10 min

Das Café war über­füllt. Die Luft stickig, durch­setzt von dem Geruch frisch aufge­brüh­ten Tees. Es war eines dieser neumo­di­schen, hippen Cafés. Der lange Schlauch eines Raumes teilte sich ein in den Sofa­be­reich hinten und ein paar wenige Kaffee­ti­sche mit einer klei­nen, aber doch zentra­len Kaffeetheke. Profi­liert hatte sich dieses Café insbe­son­dere durch die Tatsa­che, dass es dort keinen Kaffee zu kaufen gab. Nur Kakao und Tee. Und Kekse.


Hinten in der Ecke stand ein Klavier, dane­ben zwei gemüt­li­che Sessel, die aus den zwan­zi­ger Jahren des vergan­ge­nen Jahr­hun­derts zu stam­men schie­nen. In einem dieser Sessel saß Alli­son in ein Buch versun­ken. Es ist schwer zu sagen, welches Buch sie gerade in der Hand hielt, denn alle paar Minu­ten legte sie eines weg und nahm ein ande­res aus dem großen Bücher­re­gal, das an der Wand stand.

John saß am Klavier. Manch­mal drückte er ein paar Tasten, spielte die ein oder andere bekannte Melo­die an, ließ sich fallen in den Klang­wel­ten, die er kreirte. Meist jedoch dachte er nach über diese Frau, die da direkt neben ihm, weni­ger als zwei Meter entfernt, las. Er wusste nicht viel über sie und doch wünschte er sich, alles zu wissen, ein Teil ihres Lebens zu werden, Platz zwischen all den Büchern zu finden. Er warf einen Blick auf Alli­sons Teepott. Seiner war schon seit einer gefühl­ten Ewig­keit leer, doch er wollte keinen neuen holen, ohne ihr auch etwas gutes tun zu können. Gerade nahm sie den letz­ten Schluck. Man hätte sie fast mit Audrey verwech­seln können, wie sie da so saß, mit einer langen Zigarre in einer Hand, dem Pott in der ande­ren und den Haaren, die origi­nal aus Früh­stück bei Tiffa­nys sein könn­ten. Als sie ausge­trun­ken hatte, stand er auf und holten ihnen beiden neuen Tee. Schwarz. Ohne Zucker. Mit Milch. Das hatten sie gemein­sam.

Als John aufstand und ihre Teetasse nahm, schreckte Alli­son ein klein wenig auf. Sie war schon fast ganz in ihrem klei­nen Kopf­wun­der­land verschwun­den gewe­sen. Gefan­gen in Gedan­ken sei sie, sagten die Leute. Sie selbst pflegte, ihren Lebens­stil als gewollte Reali­täts­flucht zu bezeich­nen. Ihr waren die Wohl­fühl­zei­ten ausge­gan­gen. Hier jedoch hatte sie einen Platz gefun­den, der ihr diese Wohl­fühl­zei­ten nach und nach zurück gab. Genau genom­men stimmte das nicht. Genau genom­men hatte John diesen Platz vor langer Zeit gefun­den und ihr gezeigt. Er hatte „Das Café dort ist mein Lebens­rück­zugs­ort. Das weiß keiner. Doch Du, Du sollst das wissen.“ gesagt. Mit erns­tem, aber doch verträumt nach­denk­li­chem Blick hatte er sie hinge­führt, ihr die Mitar­bei­ter vorge­stellt, die ihn schon seit Ewig­kei­ten zu kennen schie­nen und sie schließ­lich zu dieser Ecke mit dem Klavier geführt.

Dort saßen sie seit Wochen immer wenn sie sich trafen. Gere­det hatten sie in der ganzen Zeit kaum mehr als 10 Sätze. Es schien, als ob sie nicht reden müss­ten, um sich zu verste­hen. Das war aller­dings eine andere Über­le­ben­stak­tik, die sie beide gemein­sam hatten: Bloß nieman­den zu nah an sich heran lassen, niemals alles offen­le­gen, sich immer noch einen Fall­schirm einste­cken, wenn man mal Fallen sollte. Denn beide wuss­ten, sie würden tief fallen, wenn sie ihre öffent­li­chen Ichs able­gen würden.

Alli­son betrach­tete John, wie er sich durch die klei­nen Sitz­grup­pen und weiter vorne durch die Lücken zwischen den stehen­den Gästen zur Bar schlän­gelte. Einmal musste sie lächeln, weil ihm beinahe eine der Tassen auf den Hund eines Gastes gefal­len war, doch schließ­lich kam er mit frisch aufge­füll­ten Tassen zurück. Sie hatte den Tisch frei geräumt.

„Danke. Bleibst Du hier? Ich möchte dir mein Leben erzäh­len.“