meandering soul

»Am Ende kommt meist sowas Absurdes wie ewige Liebe.«

One Day

  • 6 years ago veröffentlicht
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  • Erwartete Lesezeit: 02:39 min

Seit­dem ich mobile Musik­wie­der­ga­be­ge­räte besitze, sind quasi unun­ter­bro­chen zwei Musik­ti­tel mit dem Titel „One Day“ auf diesen. Wer hätte gedacht, dass ich irgend­wann an einem Stra­ßen­rand ein Buch mit eben diesem Titel finden würde, welches dann zu allem Über­fluss auch noch inner­halb weni­ger Tage seinen Weg auf die Lieb­lings­bü­cher­liste macht.

Die Rede ist von David Nicholls' One Day.

'Live each day as if it's your last', that was the conven­tio­nal advice,
but really, who had the energy for that? What if it rained or you felt
a bit glandy? It just wasn't prac­ti­cal. Better by far to simply try and
coura­geous and bold and to make a diffe­rence. Not change the world exactly,
but the bit around you. Go out there with your passion and your elec­tric
type­wri­ter and work hard at … some­thing. Change lifes through art maybe.
Cherish your friends, stay true to your prin­cip­les, live passio­na­tely and
fully and well. Expe­ri­ence new things. Love and be loved, if you ever get
the chance.


Es ist eines dieser Bücher über das Leben und doch ist es keines dieser Bücher über das Leben, in denen es ausschließ­lich um Lebens­weis­hei­ten geht. Eine dieser Geschich­ten, die gleich­zei­tig aus dünns­ter Luft gegrif­fen sind und doch so real wie nur irgend möglich wirken.

Wenige Auto­ren schaf­fen es, so zu schrei­ben, dass man unun­ter­bro­chen das Gefühl hat, dabei zu sein. Noch weni­ger schaf­fen es, dies bei einer Geschichte zu tun, die sich über so viele Jahre hinweg zieht. Es ist ein Buch zum mitfüh­len, von der ersten bis zur letz­ten Zeile. Ein Buch zum anschreien und zum bewei­nen, zum lachen und zum schmol­len. In gewis­ser Hinsicht könnte man durch­aus behaup­ten: Es ist perfekt.

Dana sagte einmal zu mir, dass man für die Sachen, die einen am meis­ten beigeis­tern am schwie­rigs­ten Worte findet. Da mir aber so unfass­bar viel daran liegt, dass dieses Buch gele­sen, verschlun­gen und geliebt wird, habe ich es trotz­dem versucht. Hoffent­lich mit Erfolg.
There's some medi­cine on the shelf, on it the words 'may cause drow­si­ness' – the most beau­ti­ful words in the English language. Once it was 'do you have a t-shirt I can borrow?' Now it is 'may cause drow­si­ness'.

One Day
David Nicholls
Hodder & Stou­ton Ltd


(PS: Die Musik­stücke sind von Björk und The Verve.)
 

Wishing Well

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=P96xUt9HCTU[/youtube]

You feel like some­thing
Is about to begin
But you don't know what
And you don't know when
 

Die Katze

Warum zur Hölle haben die hier gestreut? Es ist doch mitten im Juni, da streut man doch nicht. Es ist doch mitten im Juni, oder?

(via)


Celia war sicht­lich verwirrt. Wenn sie sich doch nur ein wenig weni­ger gewun­dert hätte, hätte sie merken können, dass es weder ein listi­ger weißer Hase, noch sonst irgend­ein Streichs­pie­ler war, der hier die Straße mit klei­nen, knacken­den und knis­tern­den Stein­chen bedeckt hatte. Auch hätte sie dann merken können, wie unge­wöhn­lich diese Stein­chen waren und wie sehr sie in der Abend­sonne glit­zer­ten.

Doch Celia war noch lange nicht wach. Und das, obwohl es schon kurz nach sieben war. Uhrzeit hatte keine Bedeu­tung für sie, denn Leben konnte sie am Besten dann, wenn sie von nieman­dem gestört wurde. Ob spät­nachts Luft­sch­lös­ser zusam­men träu­mend durch die Stra­ßen wandernd oder früh am Morgen als erste am Eisstand spielte dabei keine Rolle. Haupt­sa­che, sie hatte das Ruder ihres Lebens­boo­tes immer fest im Griff.

„Gott­ver­damm­ter Drecks­mist. Dies­mal werde ich bestimmt gefeu­ert.“

Robert hatte es mal wieder geschafft. Das ganze Tablett voller Würfel­zucker­be­cher für die Tische auf der ande­ren Stra­ßen­seite war ihm in hohem Bogen entglit­ten. Hätte er doch bloß nicht der Katze hinter­her­ge­schaut. Zum Glück lag der Eisla­den in dem er seit ein paar Wochen arbei­tete in einer der vielen Fußgän­ger­zo­nen der Stadt. Sonst wäre das Chaos wohl gar nicht mehr fass­bar gewe­sen.

Während er sich Besen und ande­res Reini­gungs­u­ten­sil noch holte, hatte Celia endlich die Wahr­heit über diese selt­sam glit­zern­den Stein­chen heraus­ge­fun­den. Nun stand sie strah­lend mitten auf dem Weg, tänzelte bald ein wenig und verlor sich in ihrem Wunder­land.

Vertieft darin möglichst schnell und unauf­fäl­lig das Zucker­de­sas­ter zu besei­ti­gen, bemerkte Robert erst sehr spät das kleine, verträumte Mädchen dort mitten in seinem Zucker­stück­chen­feld. Celia sah ihn unver­wandt an. Beinahe glaubte er, sie würde nur durch ihn hindurch­schauen, irgendwo in das schöne Leere, das Tunne­lende, zu dem alle schauen, wenn sie träu­men. „Kaffee?“, fragte Celia, lächelnd auf den Boden zeigend.
 

Ein Schick­sal

Irgendwo auf halber Stre­cke zwischen Kopf und Herz schlum­mern sie, die nie geschrie­be­nen Gedan­ken. Sie zermür­ben den Geist, Stück für Stück, und halten nie inne. Sind sogar so dreist und bewe­gen sich gleich­sam fort­wäh­rend knab­bernd in Rich­tung Herz.

Ein Mensch sitzt da, vor einem leeren Blatt Papier. Ein Blei­stift in der Hand. Abge­nagt am einen, abge­wetzt am ande­ren Ende. Der Geruch von Graphit liegt in der Luft, zerknüllte, einzei­lig bekrit­zelte Blät­ter auf dem Boden.

Auf den Boden!

Das könnte die Lösung sein, auf den Boden der Tatsa­chen sich zu bege­ben. Doch wo war dieser, wie tief musste er wohl noch fallen und würden die klei­nen Gedan­ken­tier­chen ihn noch so lange in einer stabi­len Form belas­sen? Nicht denken, schrei­ben. Das ist die Devise. Doch was?

Man könnte die ganze Situa­tion auch etwas brei­ter aufspan­nen und sich fragen, wie es denn zu dieser prekä­ren Lage gekom­men ist. Nun, wissen Sie, das ging recht schnell, man fing den einen oder ande­ren Text zu schrei­ben an, verfolgte zwei, drei kurze lyri­sche Anwand­lun­gen und ehe man sich's versah, erschrak man vor der Auss­trah­lungs­kraft seiner Worte und schluckte den nächs­ten Gedan­ken lieber erst einmal herun­ter. Den noch gesun­den Leidens­ge­nos­sen sei hier gesagt: Gedan­ken zu schlu­cken ist nicht zu empfeh­len. Sie sind selten flüs­sig und erst recht nicht verdau­bar. Statt­des­sen haben sie die Eigen­heit, sich ganz und gar unan­stän­dig zu beneh­men, zurück in dem Körper, in dem sie entstan­den. Setzen Flau­sen in den Kopf und Flusen über­all sonst, verwir­ren wo es nur geht und fangen an allem an zu Knab­bern.

Was macht man nun, wenn das Herz ange­knab­bert wird, von solch unein­sich­ti­gen Gedan­ken? Ich würde das auch gerne wissen. Über das Nicht­schrei­ben zu schrei­ben ist zwar erstaun­lich produk­tiv, aber dennoch kommen dabei immer diese Art Texte heraus, welche ein Eigen­le­ben der ganz beson­de­ren Art entwi­ckeln: Sie setzen noch mehr knab­bernde Gedan­ken­tier­chen in den Kopf.