meandering soul

»Am Ende kommt meist sowas Absurdes wie ewige Liebe.«

I will survive

Tagein tagaus lebt man Musik hörend vor sich hin, mal mehr als Texte­hö­rer, mal mehr als Melo­die­hö­rer, mal als Ryth­mus­ge­nie­ßer, doch die ganze Zeit über bleibt die Sicher­heit, dass das ja alles nur Kunst ist. Kunst, die einem bei aller Schön­heit oder endlo­ser Trau­rig­keit nichts anha­ben kann, die einen nur kurz berührt, kaum spür­bar, diese Art der Berüh­run­gen, die mit dem nächs­ten Schul­ter­zu­cken schon lange der Vergan­gen­heit ange­hö­ren.

Wir fühlen uns immer so sicher vor Kunst, solange sie uns nicht im falschen Moment anspringt. Wir sind ja so dumm.

Wir soll­ten aufhö­ren, zu verges­sen, dass Künst­ler immer eine Botschaft trans­por­tie­ren wollen, egal, wie gut sie sie vepa­cken. Insbe­son­dere dann, wenn wir mal wieder im falschen Moment von wem auch immer das unver­ges­sene „…as long as I know how to love I know I'll stay alive…“ hören und uns zu allem Übel und weil es so viel Spaß macht, sich selbst ein biss­chen zu quälen, fragen, ob man wirk­lich wissen muss, wie man liebt, um zu über­le­ben.

 

Nur gesta­pelte Gedan­ken

  • 5 years ago veröffentlicht
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  • Erwartete Lesezeit: 02:07 min

An manchen Tagen geht einfach zu viel zwischen den Zeilen verlo­ren. An ande­ren Tagen steht dort zu viel. Eigent­lich wäre in beiden Fällen alles gut, wenn da nicht immer so viele Frage­zei­chen übrig blei­ben würden. Und dazu dann der ewige Drang, alles analy­sie­ren zu müssen. Den Kopf einfach nicht ausschal­ten können. Nicht einmal für ein paar Sekun­den. Selten ist die Grenze zwischen Gedan­ken­welt und Wirk­lich­keit so verwa­schen, wie in ster­nen­kla­ren Näch­ten. Selten sind Sommer so bewölkt, wie dieser. Die Gedan­ken sind nicht frei. Im Kopf, ja. Aber irgend­wann müssen sie doch dort auch mal raus. Im Ange­sicht der verzwick­ten Lage wäre es sicher ratsam, aufzu­hö­ren, darüber nach­zu­den­ken, weni­ger nach­zu­den­ken.

Zwischen den zermürb­ten, zu oft wieder­ge­käu­ten Gedan­ken quälen sich fort­wäh­rend Radio­head und Suede durch den Kopf. Immer mit einer unver­kenn­ba­ren Prise Zynis­mus. Die Musik­wie­der­ga­be­ge­räte werden nicht mehr benö­tigt, denn die Musik ist schon so tief in den Körper gedrun­gen, dass jede äußere Einwir­kung dersel­ben mehr als zweck­los, ja sogar in vieler Hinsicht schäd­lich, gewor­den ist. Es wäre aber trotz­dem eine Über­le­gung wert, die Klage­stim­men anzu­schal­ten und mit ihnen gemein­sam das Plagende, Trei­bende, Pochende aus dem Körper zu trei­ben.

Es gibt schon zu viele Bücher, Filme, Lieder über dieses Thema. Es gibt schon zu viele trau­rige Menschen. Es gibt schon zu viele gute Gründe, in diesem Zustand zu sein. Hier gibt es keinen. Hier gibt es kein Setting, kein Plot, keine epische Geschichte, die das alles erfor­dert. Hier gibt es nur gesta­pelte Gedan­ken, denen ein unsicht­ba­rer Käfig über­ge­stülpt wurde.

(People just don’t really talk anymore, do they?)

 

Die Stra­ßen­la­terne

Die Stra­ßen­la­terne wollte in ihrem lang­wei­lig vor sich hinglim­men­den Leben endlich mal etwas erle­ben und posi­tio­nierte den Brief­kas­ten derart um, dass er fast einem Taxi zum Verhäng­nis wurde.

In Wahr­heit war die Geschichte jedoch ganz anders, doch der zufäl­lig vor Ort gewe­sene Hund würde sich hüten, irgend­je­man­dem die Wahr­heit zu erzäh­len. Zumal er seine Stimme scho­nen musste, über­mor­gen stand schließ­lich der alljähr­li­che Bell­wett­be­werb an.

In Wahr­heit also, und dass weiß ich nur, weil mir eben dieser Hund sehr großes Vertrauen schenkt und wir seit Jahren eine umfang­rei­che Brief­kor­re­spon­denz führen – nun, ich schweife ab. In Wahr­heit also, war es der Taxi­fah­rer.

Das scheint etwas unglaub­wür­dig werden Sie sagen. Nun, da haben Sie durch­aus recht. Aber Sie müssen schon zuge­ben, dass ein glim­men­des Dasein viel­mehr zu einem Taxi­fah­rer, als zu einer stolz ihrer ganzen Umge­bung Licht spen­den­den Stra­ßen­la­terne passt. Wie gut, dass wir uns in diesem Punkte einig sind. Der Hund – Manfred von Rein­hards­hau­sen heißt er übri­gens – schrieb also in seinem Brief ausführ­lichst – Der Herr in dem brau­nen Jacket soll sich doch bitte ein paar schö­nere Hunden­a­men ausden­ken, wenn ihm dieser nicht gefällt – wie auch immer, Manfred schrieb mir also, dass er bewei­sen können, dass sich diese selbst­süch­tige Lampe da etwas zu vorteil­haft ins Licht rücken wollte. Oder den Taxi­fah­rer? Sie sehen, ich bin verwirrt. Ich hoffe, sie sind auch schon lange vom roten Faden abge­kom­men, falls nicht habe ich die beun­ru­hi­gende Mittei­lung zu über­brin­gen, dass der Hund leider mit seinen Ausfüh­run­gen nicht fort­fah­ren konnte, da ihm die listige Katze Miranda, deren Domi­zil sich in einem gemüt­li­chen Eckchen des Brief­kas­tens befin­det, sein wunder­schö­nes rotes Erzäh­lungs­woll­k­neuel erblickt hatte und nun mit seinem unse­rem diesem rotem Faden Katze­weiß­was anstellte.

Warum Sie gekom­men sind? Wer weiß, viel­leicht hatten sie gehofft, dieser drol­lige Hund neben mir könne tatsäch­lich solch irrwit­zige Geschich­ten erzäh­len.

Es war übri­gens der Brief­kas­ten, er hatte ein paar trau­rige Liebes­briefe zu viel abbe­kom­men und wollte seinem Dasein ein Ende setzen.

 

Erzähl mal was

  • 5 years ago veröffentlicht
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  • Erwartete Lesezeit: 03:36 min

Wir liegen im Bett. Die Decke ist wunder­bar kusche­lig, die Kopf­kis­sen haben alle genau die rich­tige Posi­tion, man könnte sofort einschla­fen. Es ist unglaub­lich ruhig im Hinter­grund. Bei dir. Bei mir nicht. Zwischen uns befin­den sich viele hundert Kilo­me­ter. Ganz nah sind wir uns trotz­dem. Tele­kom­mu­ni­ka­tion ist eine prak­ti­sche Erfin­dung.

„Erzähl mal was.“ sagst du in die Stille hinein. Die meis­ten Stim­men hätten die Stille damit grau­sam zerschnit­ten. Deine nicht. Sanft, gera­dezu engels­gleich, glei­tet sie durch den Äther und ich muss lächeln, wenn ich dich spre­chen höre.

Jedes Mal.

„Erzähl mal was.“ sagt deine Stimme noch einmal. Dies­mal nur in meinem Kopf. Du schweigst bereits wieder. Erwar­tungs­voll. Ich kann dein Lächeln hören, durch den Ryth­mus, in dem du atmest. Ich denke nach. Ich möchte, dass du die ganze Nacht lächelst, wegen dem, was ich dir erzäh­len werde. Es ist gar nicht so einfach, schö­nes zu erzäh­len. Das trau­rige, bedrückende, das geht im schüt­zen­den Dunkel der Nacht immer leicht von der Hand, doch Worte zu Sätzen zu formen, die deine Lippen zum Lächeln brin­gen…

Wahr­schein­lich wäre alles viel einfa­cher, wenn ich gewillt wäre, dir eine Geschichte zu erzäh­len, aber ich möchte dir heute keine Geschichte erzäh­len. Ich möchte dir von mir erzäh­len. Ich möchte, dass du wegen einem erzähl­ten Erleb­niss und nicht wegen einer Geschichte mit Zwangs­hap­pyend lächelst.

Das ist er, der fatale Moment, der immer dann auftritt, wenn man Hände ringend nach Erin­ne­run­gen sucht und der Kopf gerade mehr Leere aufweist, als alle leeren Studen­ten­kühl­schränke der Welt zusam­men. In freier Wild­bahn wird dies ja meist durch das verhasste „Erzähl doch mal einen Schlag aus deiner Jugend“ ausge­löst. Völlig unbe­ab­sich­tigt natür­lich. Obwohl jeder weiß, wie viele Hämmer im Kopf verlo­ren gehen werden, bis ein Schlag trifft und erzählt werden kann. Nun gut. Soviel zum Normal­fall. Normal­fälle sind schein­bar gerade nicht kompli­ziert genug. Nein, ich musste ja unbe­dingt so schlau sein und mich selbst in diese miss­li­che Lage verfrach­ten.

Bis jetzt sind seit deiner Bitte unge­fähr zehn Sekun­den vergan­gen. Wenn über­haupt.  Zeit ist nicht so gut mess­bar, wenn man mit sich selbst disku­tiert. Die nullte Regel ist, es gibt keine erste Regel. Naja. So ähnlich. Jeden­falls hängt das damit irgend­wie zusam­men. Glaube ich. All diese Gedan­ken flie­gen durch den großen leeren Raum. Und sie finden einfach keinen Platz um zu landen.

Tragisch, das.

Da! Ein Einfall! Ganz schwach kann ich ihn schon spüren, wie er sich lang­sam empor­win­det und zu seiner vollen Pracht heran­wächst.

„Was möch­test du denn gerne hören?“ frage ich, um etwas Zeit zu gewin­nen. Mir ist nun zwar klar, dass ich gleich wissen werde, was ich erzäh­len werde, doch finde ich es auch immer wieder wich­tig, von dir zu erfah­ren, was du gerne hören würdest.

Du antwor­test. Ich muss lächeln. Einen kaum spür­ba­ren Moment später fange ich an zu erzäh­len. Und mein Herz wird mit jeder Sekunde glück­li­cher, weil es dir beim Lächeln lauschen darf.

 

Ein klei­nes Immer

Du fragst nicht, ob alles gut ist. Du fragst auch nicht, ob ich mich wohl fühle. Nein, Du hast schon immer die wirk­lich wich­ti­gen Fragen gestellt – Wie geht es dir? Wie fühlst du dich? – und du hast dich noch nie mit einem Abspeis-"Okay" zufrie­den gege­ben, wenn alles rings­herum gegen dieses okay sprach. Du hörst zu. Immer. Bedin­gungs­los. Deine geheime Super­kraft: Nicht nur die rich­ti­gen Worte, sondern auch immer den perfek­ten Zeit­punkt finden.

Viel­leicht wird nicht alles gut. Wahr­schein­lich wird nie alles gut. Eigent­lich möchte ich mir auch gar nicht vorstel­len, wie es wäre, wenn denn alles gut wäre. Tatsa­che ist, immer wenn ich mit dir in Kontakt trete, egal wie, wird alles um mich herum auf magi­sche Weise besser, ange­neh­mer, schö­ner. Ich möchte dieses Gefühl, diesen Zauber nicht mehr loslas­sen müssen. Ich möchte, dass daraus ein – wenn­gleich erst einmal klei­nes – immer wird.

Möch­test Du das auch?

 

Meine Name ist nicht deine Entschei­dung

Ich habe heute im Laufe des Tages mehrere Verweise auf myna­meis.me gese­hen, zuletzt in einem Google+-Post (Wie schreibt man das mit sinn­vol­ler Zeichen­set­zung?), der den, typisch zur gerade mal wieder in Mode gekom­me­nen Fuck yeah-Memma­schi­ne­rie, Tumble­log fuckye­ah­p­seud­onyms, welches jeden dazu einlädt, seine Meinung zum Klar­na­men/Pseud­onym-Zwang im Inter­net zu vermel­den.

Nunja. Vor eini­gen Tagen habe ich mich bei Potter­more regis­triert. Dort wurde ich mit einer der wohl restrik­tivs­ten Lösun­gen zu diesem ganzen Problem konfron­tiert: Das System vergibt die Nutzer­na­men. Die durch­aus einleuch­tende Erklä­rung, die dort dazu abge­ge­ben wurde, lautete unge­fähr „Wir machen das zum Schutz der Kinder.“ Jetzt kann man sich natür­lich fragen, inwie­fern ein Name wie Phoe­nixMa­gic80 Menschen, die es auf den Scha­den oder das Verlet­zen ande­rer in jegli­cher Form abge­se­hen haben, von diesem Vorha­ben abhal­ten wird. Ich möchte behaup­ten gar nicht. Da könnte man auch gerade an dieser Stelle wunder­schön aus Harry Potter zitie­ren:

Die Angst vor einem Namen macht nur noch größere Angst vor der Sache selbst.


(J. K. Rowling – Harry Potter, in diverse Bänden)



Ich persön­lich habe seit Jahren ein Pseud­onym (eFrane) in weiten Teilen des Inter­nets, habe aber auf bestimm­ten Platt­for­men schon immer meinen Klar­na­men ange­ge­ben. Mitt­ler­weile ist es für nieman­den, der wirk­lich wissen will, wer sich hinter diesen fünf Buch­sta­ben verbirgt, mehr ein Problem, dem auf den Grund zu gehen. Das stört mich auch nicht. Trotz­dem finde ich es wich­tig, dass jedem Mensch die freie Wahl darüber gelas­sen wird, wie er sich nennt. Die Tatsa­che, dass wir bei der Geburt einen Namen krie­gen, bedeu­tet ja nicht, dass wir mit diesem Namen unser ganzes Leben verbrin­gen müssen.



Was mich an der momen­ta­nen Rich­tung der Debatte stört, ist die Fokus­sie­rung auf das Inter­net. In leicht abge­wan­del­ter Form könnte man obiges Zitat herneh­men: „Die Angst vor einem Medium macht nur noch größere Angst vor dem Problem selbst.“ – Und wir haben Angst vor diesem Medium. Ich nicht, und viele andere in meinem Umfeld auch nicht, wahr­schein­lich fast keiner, der sich jetzt – egal ob auf myna­meis.me oder auf fuckye­ah­p­seud­onyms oder sonst irgendwo in diesem Kommu­ni­ka­ti­ons­kon­glo­me­rat – zu diesem Thema äußern wird, aber trotz allem blei­ben da eine ganze Menge Menschen übrig, die sehr offen­sicht­lich in irgend­ei­ner Form Angst vor diesem Medium haben. Doch eigent­lich soll­ten sie Angst vor dem haben, was daraus entste­hen kann. Das Inter­net ist, ich twit­terte so etwas in der Art vor einer Weile schon mal, gewis­ser­ma­ßen das moderne Forum Roma­num. Hier werden die tages­ak­tu­el­len Themen disku­tiert, hier kann man mitre­den, hier beginnt Verän­de­rung. Und ab und an kommt solch eine Verän­de­rung eben an einen Punkt, wo sie aus dem Digi­ta­len heraus in das Analoge geholt werden muss. Ich glaube, in Bezug auf die frei Wahl des eige­nen Namens sind wir im Grunde schon lange an diesem Punkt vorbei.



Es ist wich­tig, fest­zu­hal­ten, dass es gute Gründe gibt, irgendwo in der Gesell­schaft nicht mit dem Namen aufzu­tre­ten, der einem gege­ben wurde. Tatsa­che ist aber auch, dass viele dieser Gründe wegfal­len würden, wenn es – was meiner Ansicht nach sowohl eine notwen­dige Bedin­gung als auch Folge freie­rer Namens­po­li­tik wäre – mehr Tole­ranz und Akzep­tanz unter­ein­an­der gäbe.


 

Inti­macy

Bei guten Büchern kann man das Ende lesen ohne sich damit das verblei­bende Lese­er­leb­nis der Seiten davor zu zerstö­ren. Bei sehr guten Büchern kommt dann noch ein erster Satz dazu, der einen viel schnel­ler, als in solchen Momen­ten erwünscht, zu diesen Enden führt.

Doch sehr gute Bücher sind am Ende nie zu Ende. Sehr gute Bücher gehen im Kopf weiter. Erst liest man fast atem­los, bis man die
Augen schon mit Streich­höl­zern offen halten muss, um dann, wenn man endlich fertig ist, hell­wach im Bett zu liegen und mehrere
Ewig­kei­ten lang in der gerade erleb­ten Groß­ar­tig­keit zu schwel­gen und in Gedan­ken all die wunder­ba­ren Worte noch weit mehr als
einmal zu durch­lau­fen. Hanif Kureishi's „Inti­macy“ ist so ein Buch.

It is the saddest night, for I am leaving and not coming back.


Es geht um Liebe. Natür­lich geht es um Liebe. Um den großen Zwei­fel, der ins Leben kommen kann, wenn sich die darin enthal­tene Liebe nach und nach wandelt und noch weni­ger nach­voll­zieh­bar ist, als sowieso schon.

Es geht um Abschied nehmen. Abschied von einem Lebens­ab­schnitt, von einer ganzen Lebens­phi­los­phie, von einer eigent­lich als
„für immer“ geplan­ten Einheit. Es geht darum, sich selbst wieder zu finden und all das Chaos zu verste­hen, was in einem aus der ganzen uner­träg­lich gewor­de­nen Ordnung gewach­sen ist.


Lying protects all of us; it keeps the import­ant going. It is a kind­ness to lie. If I'd been good all those years, who'd have been impres­sed? God? A world without lying would be impos­si­ble; a world in which lying wasn't depre­ca­ted it also impos­si­ble. Unfor­tu­na­tely, lying makes us feel omni­po­tent. It crea­tes a terri­ble lone­li­ness.


Inti­macy
Hanif Kureishi