meandering soul

»Am Ende kommt meist sowas Absurdes wie ewige Liebe.«

Erzähl mal was

  • 7 years ago veröffentlicht
  • Erwartete Lesezeit: 03:36 min

Wir liegen im Bett. Die Decke ist wunder­bar kusche­lig, die Kopf­kis­sen haben alle genau die rich­tige Posi­tion, man könnte sofort einschla­fen. Es ist unglaub­lich ruhig im Hinter­grund. Bei dir. Bei mir nicht. Zwischen uns befin­den sich viele hundert Kilo­me­ter. Ganz nah sind wir uns trotz­dem. Tele­kom­mu­ni­ka­tion ist eine prak­ti­sche Erfin­dung.

„Erzähl mal was.“ sagst du in die Stille hinein. Die meis­ten Stim­men hätten die Stille damit grau­sam zerschnit­ten. Deine nicht. Sanft, gera­dezu engels­gleich, glei­tet sie durch den Äther und ich muss lächeln, wenn ich dich spre­chen höre.

Jedes Mal.

„Erzähl mal was.“ sagt deine Stimme noch einmal. Dies­mal nur in meinem Kopf. Du schweigst bereits wieder. Erwar­tungs­voll. Ich kann dein Lächeln hören, durch den Ryth­mus, in dem du atmest. Ich denke nach. Ich möchte, dass du die ganze Nacht lächelst, wegen dem, was ich dir erzäh­len werde. Es ist gar nicht so einfach, schö­nes zu erzäh­len. Das trau­rige, bedrückende, das geht im schüt­zen­den Dunkel der Nacht immer leicht von der Hand, doch Worte zu Sätzen zu formen, die deine Lippen zum Lächeln brin­gen…

Wahr­schein­lich wäre alles viel einfa­cher, wenn ich gewillt wäre, dir eine Geschichte zu erzäh­len, aber ich möchte dir heute keine Geschichte erzäh­len. Ich möchte dir von mir erzäh­len. Ich möchte, dass du wegen einem erzähl­ten Erleb­niss und nicht wegen einer Geschichte mit Zwangs­hap­pyend lächelst.

Das ist er, der fatale Moment, der immer dann auftritt, wenn man Hände ringend nach Erin­ne­run­gen sucht und der Kopf gerade mehr Leere aufweist, als alle leeren Studen­ten­kühl­schränke der Welt zusam­men. In freier Wild­bahn wird dies ja meist durch das verhasste „Erzähl doch mal einen Schlag aus deiner Jugend“ ausge­löst. Völlig unbe­ab­sich­tigt natür­lich. Obwohl jeder weiß, wie viele Hämmer im Kopf verlo­ren gehen werden, bis ein Schlag trifft und erzählt werden kann. Nun gut. Soviel zum Normal­fall. Normal­fälle sind schein­bar gerade nicht kompli­ziert genug. Nein, ich musste ja unbe­dingt so schlau sein und mich selbst in diese miss­li­che Lage verfrach­ten.

Bis jetzt sind seit deiner Bitte unge­fähr zehn Sekun­den vergan­gen. Wenn über­haupt.  Zeit ist nicht so gut mess­bar, wenn man mit sich selbst disku­tiert. Die nullte Regel ist, es gibt keine erste Regel. Naja. So ähnlich. Jeden­falls hängt das damit irgend­wie zusam­men. Glaube ich. All diese Gedan­ken flie­gen durch den großen leeren Raum. Und sie finden einfach keinen Platz um zu landen.

Tragisch, das.

Da! Ein Einfall! Ganz schwach kann ich ihn schon spüren, wie er sich lang­sam empor­win­det und zu seiner vollen Pracht heran­wächst.

„Was möch­test du denn gerne hören?“ frage ich, um etwas Zeit zu gewin­nen. Mir ist nun zwar klar, dass ich gleich wissen werde, was ich erzäh­len werde, doch finde ich es auch immer wieder wich­tig, von dir zu erfah­ren, was du gerne hören würdest.

Du antwor­test. Ich muss lächeln. Einen kaum spür­ba­ren Moment später fange ich an zu erzäh­len. Und mein Herz wird mit jeder Sekunde glück­li­cher, weil es dir beim Lächeln lauschen darf.