meandering soul

»Am Ende kommt meist sowas Absurdes wie ewige Liebe.«

Eine halbe Sekunde – Teil 2

  • 7 years ago veröffentlicht
  • Erwartete Lesezeit: 03:16 min

Lene war bereits mit einer Hand dabei eine Tasche zu packen, als sie am ande­ren Ende der Leitung dumpfe Schritte hörte.

„Anton? Anton bist du das?“
„Lene? Ja. Ich…Tim…“
„Anton wo bist du?“
„Tim, er…“
„Sag mir einfach wo du bist Anton, ja? Ich sitze schon fast im Auto.“

Lene hatte schon beim ersten Klin­geln des Tele­fons ein ungu­tes Gefühl im Bauch gehabt. Sie notierte sich die Adresse, die Anton ihr nannte auf dem Block neben dem Tele­fon, riss das erste Blatt ab und steckte es sich in die Hosen­ta­sche.

„Lene?“
„Ja?“
„Danke.“
„Noch bin ich nicht da. Bleib wo du bist, okay?“

Seine Antwort hörte sie schon nicht mehr. Während sie fuhr blickte sie immer wieder nervös auf die kleine digi­tale Uhr am Arma­tu­ren­brett. Lene hoffte nur, dass Anton keine Dumm­hei­ten machen würde. Seit Minu­ten drückte sie das Gaspe­dal unbe­wusst durch.

Anton ging zurück in das Zimmer, strich mit einer Hand über die Reise­ta­sche. Der Gedanke daran, dass Lene bald hier sein würde ließ ihn einmal tief durch­at­men. Er zog den Reiß­ver­schluss zu, griff nach der Tasche und machte sich auf den Weg zur Rezep­tion.
Als die Tür aufging musste er nicht einmal aufbli­cken, um fest­zu­stel­len, dass es Lene war, die da herein kam. Er stand auf und ihre Blicke trafen sich. Sie machte ein paar Schritte auf ihn zu, streckte den Arm nach der Tasche aus und griff mit ihrer freien Hand nach der seinen.
„Lass uns was essen gehen. Und dann soll­test du nach Hause fahren. Wir soll­ten nach Hause fahren.“
Der Griff um Lenes Hand wurde fester.

Schwei­gend saßen sie sich gegen­über. Anton stocherte in seinem Rührei herum, während Lene ihn mit ihren ruhi­gen Augen betrach­tete. Das konnte sie schon immer gut. Sie versprühte diese wunder­bare Ruhe, sobald sie einen Raum betrat. Anton öffnete das kleine Seiten­fach der Tasche, zog das Tage­buch seines Bruders heraus und schob es vorsich­tig über die Tisch­platte. Keiner sagte ein Wort. Eine junge Frau trat an ihren Tisch und fragte höflich, ob sie noch Kaffee nach­schen­ken dürfe. Anton nickte fast unmerk­lich und Lene lächelte freund­lich.

„Ich musste weg. Es ging nicht anders. Dabei wusste ich noch nicht einmal wohin ich denn gehen sollte. Weg. Ich musste weg wie er auch einfach ging.“
„Ich weiß.“

Anton wusste, dass Lene mit ihm fahren würde, er musste nur etwas sagen. Ihm war bewusst, dass er nicht ewig vor seiner Vergan­gen­heit davon­lau­fen konnte, es war nur so viel einfa­cher sich nicht umzu­dre­hen. Für den Bruch­teil einer Sekunde spielte er mit dem Gedan­ken die Kamera auszu­pa­cken und Lene zu foto­gra­fie­ren. Lene. Er musste ihr nicht erklä­ren was passiert war, sie verstand auch ohne Worte. So war Tim auch gewe­sen.

Anton stand auf. Er konnte nicht mehr ändern was passiert war, aber er musste versu­chen zu verhin­dern, dass weitere falsche Entschei­dun­gen getrof­fen wurden. Lene sah ihn an, nickte, legte Geld auf den Tisch und folgte ihm zum Auto.

Klick. Lene löste ihren Blick von der Straße und sah Anton an. Klick. Sie musste lächlen. Klick.

(Den ersten Teil gibt es beim farben­mäd­chen.)