meandering soul

»Am Ende kommt meist sowas Absurdes wie ewige Liebe.«

Worte. Wort­grup­pen. Sätze. Satz­grup­pen.

  • 4 years ago veröffentlicht
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Vor mir liegt eine Zettel­wirt­schaft voller Worte. Wort­grup­pen, Sätze, Satz­grup­pen. Nichts wirk­lich zusam­men­hän­gen­des und doch alles auf die glei­chen Fragen hinaus­lau­fend. Bin ich der, der ich sein sollte? Bist du die, die du sein soll­test? Sind wir die, die wir sein soll­ten? Und über­haupt, was ist „Wir“, „Du“, „Ich“?
Du sagst nichts. Du kennst jedes dieser Worte. Hast bei vielen die Bewe­gung von Hand und Feder mit deinen großen bestän­dig wundern­den Augen aufmerk­sam mitver­folgt. Du kennst mich, sagest du. Du verstehst mich – ich spüre es. Und doch weißt du keine Antwor­ten, keine Reak­tion entspringt deinem sonst so famo­sen Gedan­ken­reich, die ange­mes­sen wäre. Nichts, was helfen würde, das alles zu sortie­ren. Ich möchte „Es kann wohl doch nach hinten losge­hen, einfach anzu­fan­gen zu schrei­ben“ sagen, kann aber nicht. Weil ich weiß, dass das nicht stimmt. Weil ich weiß, dass nicht das Nieder­ge­schrie­bene das Problem ist. Genauso gut, wie dir dies auch mehr als bewusst ist.

 

Die Frage nach dem nächs­ten Gespräch

Immer, wenn ich mich mit Menschen unter­halte, denke ich darüber nach, worüber wir wohl reden werden, wenn wir uns das nächste Mal begeg­nen. Dieser Denk­pro­zess wird mitun­ter so nerven­fres­send, dass er mich daran hindert, das aktu­elle Gespräch fort­zu­füh­ren. Meist enden diese fata­len Gedan­ken­spiele mit der Frage danach, wo man wohl wäre, hätte man nicht über das nächste Gespräch nach­ge­dacht.

 

Ben

Das Klin­geln des Tele­fons in der Ferne rief Ben seine Umwelt wieder in den Kopf. Er war mal wieder entschwun­den gewe­sen in seinen gelieb­ten Tagträu­men. Denen, wo er bei Sophie war, anstatt in diesem Büro malo­chen zu müssen. Wenn der Auftrag doch nur endlich erle­digt wäre. Dann könn­ten sie jetzt an den Strand gehen und, wie so oft schon, bis spät in die Nacht hinein dort liegen und der Natur lauschen. Sophie würde ihm viel­leicht aus einem Buch vorle­sen, oder sie würden sich Geschich­ten von den Wesen bei den Ster­nen erzäh­len.
Die Botschaft der Augen­ringe miss­ach­tend rieb Ben sich notdürf­tig wach und beschloss, vor dem weiter arbei­ten noch einen Kaffee zu holen, während er das Bild von Sophie aus seinem Notiz­buch nahm und als Moti­va­ti­ons­zau­ber an die Schreib­tisch­lampe lehnte.

 

Alltags­mist­kram

  • 4 years ago veröffentlicht
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  • Erwartete Lesezeit: 00:43 min

Das eigent­li­che Problem am Tele­fo­nie­ren ist nicht der dadurch erzwun­gene Kontakt zu Menschen, sondern die bedingte Kommu­ni­ka­ti­ons­red­un­danz. Wenn man zum Beispiel bei einem Friseur anruft, liegt die Wahr­schein­lich­keit, dass man einen Termin zum Haare waschen/schnei­den/legen haben möchte ziem­lich nah an 100%. Trotz­dem ist es nach sozia­len Verhal­tens­kon­ven­tio­nen notwen­dig, „Hallo, ich hätte gerne einen Friseur­ter­min“ zu sagen. Dieses Dilemma wirft ohne Zwei­fel und nicht ganz unbe­grün­det die Frage auf, wie oft denn jemand beim Friseur nach einem Zahn­arzt­ter­min fragt.

 

Hänge­mat­ten­ge­dan­ken

Falls ihr bisher der Meinung wart, dass alles gut wird, sobald man in einer Hänge­matte liegen kann, habt ihr euch geirrt. In Wahr­heit nämlich wird nicht alles gut, sondern viel viel besser, als ihr es euch jemals habt träu­men lassen. Aller­dings braucht es dazu eine weitere Zutat: Meeres­wel­len­rau­schen. Perfek­tio­nier­bar mit einer Prise Sonnen­un­ter­gang.

Über­haupt sind Sonnen­un­ter­gänge am und ins Meer nicht zu verach­ten. Das Versin­ken des Feuer­balls im unend­li­chen Blau, schon so manch einen beru­fe­nen und weni­ger beru­fe­nen Poeten und Maler hat diesem Natur­schau­spiel ein Denk­mal gesetzt. Dabei bege­hen wir alle immer wieder den glei­chen Fehler: Ereig­nisse, die so rein und schön sind, kann man nicht fest­hal­ten. Statt­des­sen soll­ten wir uns geehrt fühlen, dass die Natur uns immer wieder an solch einfa­cher Eleganz und uner­reich­ba­rer Groß­ar­tig­keit teil­ha­ben lässt.

Trotz­al­lem besteht natür­lich kein recht­fer­tig­ba­rer Grund, mit dem Versuch des Sonnen­un­ter­gangs­ma­gie­fest­hal­tens aufzu­hö­ren. Viel­leicht klappt das ja irgend­wann. Das wäre schön.

 

Okay

Stille. Irgend­je­mand schreibt ein paar Zeilen auf ein Blatt Papier, faltet dieses, legt es in einen Umschlag und steht auf. Wenige Meter entfernt steht ein Brief­kas­ten. Gera­dezu angst­ein­flö­ßend grell leuch­tet seine Signal­farbe in die grau-graue Umwelt. Klappe auf. Ein kurzes Flip­pen der Hand. Klappe zu.

Trubel. Menschen­mas­sen strö­men durch die Stra­ßen. Es ist Tag. Irgendwo ist etwas passiert. Alles eilt. Doch an einer Haus­wand steht jemand und öffnet einen Brief­um­schlag. Das Papier wird nass, ein flüch­ti­ger Blick an den fast zu blauen Himmel verrät den Grund.

Frei­zei­chen.
„Hallo?“
„Hallo. Es ist okay.“
Gesprächsab­bruch.

Stille.

 

Sitzen vier Polen im Auto

Als ich Anfang des Jahres mitbe­kam, dass Alex­an­dra Tobors erstes Buch „Sitzen 4 Polen im Auto“ bald erschei­nen würde, hibbel­hüpfte ich erst einmal ein wenig durch die Wohnung. Es ist viel Zeit vergan­gen, seit ich Tiffy zum ersten Mal aus ihren Entwür­fen lauschen durfte und unter ande­rem von den Schwie­rig­kei­ten erfuhr, die durch ein Paar Eich­hörn­chen­schuhe in deut­schen Schu­len auftre­ten können.

Nichts­de­sto­trotz fällt es mir nicht leicht, Worte zu finden, dieses Buch zu empfeh­len. Nicht, weil ich es nicht empfeh­len möchte, sondern zum Einen, weil das schon andern­orts besser getan wurde, als ich es könnte und zum Ande­ren, weil mir dieses Buch persön­lich sehr viel bedeu­tet. Es wäre also nicht fair, würde ich dieses Buch hier umfang­reich rezen­sie­ren, da diese Kritik gefahr­lau­fen würde, von Kritik völlig frei zu sein.

Nun möchte ich aber dennoch nicht ganz ohne ein paar Bemer­kun­gen über dieses Buch verblei­ben. Dass ich es sehr mag, dürfte dem geneig­ten Leser dieses Text­chens hier schon bewusst gewor­den sein. Vor allem aber, und dies nicht um den Inhalt in den Schat­ten stel­len zu wollen, sondern, um dessen Wich­tig­keit zu unter­strei­chen, möchte ich den meiner Ansicht nach wich­tigs­ten Satz aus dem Nach­wort des Romans wieder­ge­ben: „Fiktion bringt uns die Wirk­lich­keit näher, als die objek­tive Wahr­heit der Fakten es vermag.“ Alex­an­dra Tobor hat in diesem Satz sehr schön die Faszi­na­tion einge­fan­gen, die uns immer wieder dazu treibt, uns in fiktive Gedan­ken­wel­ten zu flüch­ten. Denn, es ist eine sicher auch zu Olas Schul­zei­ten vermit­telte deut­sche Binsen­weis­heit: Die Gedan­ken sind frei.

Abschlie­ßend bleibt mir noch, dem nun hoffent­lich nach der Geschichte von Lux! und Eich­hörn­chen­schu­hen gieren­den Leser den Hinweis an die Hand zu geben, dass die durch das Lesen dieses Buches indu­zier­ten Lach­an­fälle durch­aus einem größe­ren Umfeld (lies „Bitte im öffent­li­chen Nahver­kehr lesen“) gut tun können. Zugleich bleibt aber zu beden­ken, dass der wach­same Leser sich ab und an von einem weinen­den Auge befal­len finden wird. Denn – weiter oben steht es bereits – dieses Buch bringt uns der Wahr­heit ein Stück näher.

Um die Sache kurz zu fassen: Es ist toll, lest es bald! Und wer sich noch immer nicht sicher ist, begebe sich auf der Stelle zum Einhorn, da kann man nämlich rein­hö­ren. Mit ganz viel Öpve.


Sitzen vier Polen im Auto

Alex­an­dra Tobor 

 

Close your eyes



In your eyes I can see that you're cracking up.
In your eyes I can see that you've had enough.


(The Chemi­cal Brothers)
 

Wörter, ohne Bindungs­drang

Im Endef­fekt sind nur noch Wörter da. Ohne Zusam­men­hang, ohne Bindungs­drang. Sogar ohne innere Bedeu­tung. Worte wollen sie nicht mehr werden, haben Angst vor dem, was sie dann sagen könn­ten, mehr aber noch vor dem, was sie verges­sen könn­ten.

Es gibt aber ein paar Gala­pa­gos­schild­krö­ten und kali­for­ni­sche Kiefern unter all diesen Wörtern. Ein paar von ihnen sind so alt, dass sie noch nicht verges­sen haben, wie es ist, Wort zu sein. Manch­mal, wenn ich schlaf­los im Bett liege, lausche ich diesen weisen Worten. Es sind zu wenige, um Geschich­ten zu erzäh­len und viel zu wenige um am eige­nen Leben weiter zu schrei­ben, doch ihre Melo­dien sind beru­hi­gen­der, als Meeres­rau­schen, welches so schön ist, dass man aus der Erin­ne­rung daran durch­aus einen Patro­nus beschwö­ren könnte.

 

Die Frage nach dem Warum

Matt­hias hat nach unse­ren Leiden­schaf­ten gefragt. Also habe ich nach­ge­dacht, und versucht, heraus­zu­fin­den, warum ich (und viel­leicht auch andere) das mit dem Blog­gen mache.

Ich würde sagen, die ganze Misere nahm mit dem Schrei­ben darüber ihren Anfang. Man sitzt da und nimmt einen Stift in die Hand, schreibt ein paar zaghafte Worte auf eben noch jung­fräu­lich weißes Papier und schon weiß man nicht mehr, wo einem der Kopf steht.

Viel­leicht war es früher einfa­cher, sich hinter Wörtern zu verste­cken, sie zu Wort­schutz­schil­den gegen die unlieb­same Umwelt zu formen, doch die Wahr­heit ist, es ist nicht einfach, sich zu verste­cken, in einer Welt, die nicht mehr stehen blei­ben will. Eine Welt, die das Pausie­ren verlernt hat, braucht Anker und Ketten, die an den Ankern hängen. Um diese Anker und Ketten geht es mir. Darum, dass das geschrie­bene Wort, der zu Ende gedachte Gedanke, jeman­dem dort drau­ßen einen Halt geben kann. Wenn auch nicht für immer, so hoffent­lich zumin­dest für einen Moment. Ich möchte Anker­wer­fer sein.

Jeder Mensch liest für sich alleine. Wahr­schein­lich ist gerade dies der Haupt­grund für die Kraft, die hinter einem Satz zu stehen vermag. Meist gerade hinter Sätzen, die auf den ersten Blick gefahr­los schei­nen. Ich meine nicht die allseits bekann­ten Phra­sen, nicht das große „Ich liebe dich“ in all seinen Vari­an­ten. Nein, mir geht es um die Art von Wort­fol­gen, die berüh­ren, ohne anzu­fas­sen. Jeder Mensch liest für sich alleine, ich wieder­hole mich da gerne. Wir Menschen tendie­ren dazu den Dingen nicht die nötige Ehrfurcht und Wich­tig­keit beizu­mes­sen. Um nun also korrek­ter zu werden, muss ich eigent­lich sagen: Jeder Mensch fühlt für sich alleine. Denn lesen ist fühlen. Fühlen auf eine der tief­grei­fends­ten Arten, die es gibt.

Wenn es Worte gäbe, um auszu­drücken, was jene empfin­den, die Schrei­ben, gäbe es bestimmt bald keine Auto­ren mehr. Denn was gäbe es zu erzäh­len, wenn gesagt werden könnte, warum es etwas zu erzäh­len gibt?

Viel­leicht ist das alles aber auch nur das Ende zu einer Geschichte, die kein Ende haben darf. Wir soll­ten es heraus finden. Weil wir alle Auto­ren unse­rer Gefühls­welt­nie­der­schrif­ten sind.

 

Why is it that his voice can set ice on fire?

 

Einheits­ge­dan­ken­mar­me­lade

Sie klatsch­ten sich Herzen an die Stirn, weil sie es nicht anders gelernt haben. Sie wissen nicht, warum das keine Liebe ist. Sie schrei­ben Tage­buchein­träge epischen Inhal­tes, weil man ihnen sagte, dass Schrei­ben hilft. Sie wissen nicht, warum Schrei­ben erst hilft, wenn man darüber redet.
Plati­tü­den­zwang. Einheits­ge­dan­ken­mar­me­lade. Wir sind doch alle nur trau­rige, verlo­rene Seelen ohne Zukunft.

 

Wenn man wort­los ist

„Sag, was sagt man zu einem Menschen, dem man nichts mehr zu sagen hat?“

„Viel­leicht muss man nichts sagen, sondern einfach einmal schwei­gen. Oder meinst Du, es muss etwas gesagt werden?“

„Wenn der Zwang, zu reden, ohne etwas zu sagen zu haben, besteht, muss man doch etwas sagen, oder?“

„Ich würde dir ja 'dann rede, aber sag nichts' raten, aber das bringt dich nicht weiter, fürchte ich.“

„Das Problem ist, ich kann nicht. Ich würde gerne reden, ohne etwas zu sagen, aber es geht nicht, da ist einfach nichts. Keine Worte, nicht einmal mehr wirk­lich Wörter.“

„Du? Ich finde, Du soll­test nicht in der Nähe dieses Menschen sein.“

„Das ist mir ja bewusst, nur geht es um einen Menschen, der mir sehr wich­tig ist und zumin­dest auf Grund von Erin­ne­run­gen auch immer noch ganz tief bei meinen Herz­men­schen veran­kert ist.“

(Danke, farben­ma­ed­chen.)

 

Teetas­sen­um­schlie­ßen

  • 4 years ago veröffentlicht
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  • Erwartete Lesezeit: 01:01 min

Die Mulde zwischen Leere und Einsam­keit befin­det sich in etwa zwei Zenti­me­ter vom Heizungs­reg­ler entfernt. Das Lochrif­felblech auf der Heizung kommt seiner Haupt­be­schäf­ti­gung, mir zu demons­trie­ren, wie schmal die Wege sind, die am Rand­ge­biet wohli­ger Wärme liegen, entmu­ti­gend effek­tiv nach. Irgendwo im Grenz­be­reich zum cine­ma­tesk über­weich gezeich­ne­ten Hinter­grund blinkt eine Digi­tal­uhr. 0:00. Aus. 0:00. Aus. Die Minu­ten zählt sie nur vor, behal­ten muss ich sie selbst. Ich versu­che, mich zu sammeln. Meine Nase versucht während der Ewig­keit, mir von dem neben­ste­hen­den Tee zu erzäh­len. Jetzt höre ich hin. Teetas­sen­um­schlie­ßen gehört zu den beru­hi­gends­ten Tätig­kei­ten für Hände. Wenn die Tasse leer ist, beschließe ich, rufe ich dich an.

 

Birth of a Book

(ohne Worte. Dafür mit sehr viel Liebe.)

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