Archive for the 'Fiction' Category

Die Katze

Apr 11 2011 Published by eFrane under Fiction,Prose

Warum zur Hölle haben die hier gestreut? Es ist doch mitten im Juni, da streut man doch nicht. Es ist doch mitten im Juni, oder?

(via)

Celia war sichtlich verwirrt. Wenn sie sich doch nur ein wenig weniger gewundert hätte, hätte sie merken können, dass es weder ein listiger weißer Hase, noch sonst irgendein Streichspieler war, der hier die Straße mit kleinen, knackenden und knisternden Steinchen bedeckt hatte. Auch hätte sie dann merken können, wie ungewöhnlich diese Steinchen waren und wie sehr sie in der Abendsonne glitzerten.

Doch Celia war noch lange nicht wach. Und das, obwohl es schon kurz nach sieben war. Uhrzeit hatte keine Bedeutung für sie, denn Leben konnte sie am Besten dann, wenn sie von niemandem gestört wurde. Ob spätnachts Luftschlösser zusammen träumend durch die Straßen wandernd oder früh am Morgen als erste am Eisstand spielte dabei keine Rolle. Hauptsache, sie hatte das Ruder ihres Lebensbootes immer fest im Griff.

“Gottverdammter Drecksmist. Diesmal werde ich bestimmt gefeuert.”

Robert hatte es mal wieder geschafft. Das ganze Tablett voller Würfelzuckerbecher für die Tische auf der anderen Straßenseite war ihm in hohem Bogen entglitten. Hätte er doch bloß nicht der Katze hinterhergeschaut. Zum Glück lag der Eisladen in dem er seit ein paar Wochen arbeitete in einer der vielen Fußgängerzonen der Stadt. Sonst wäre das Chaos wohl gar nicht mehr fassbar gewesen.

Während er sich Besen und anderes Reinigungsutensil noch holte, hatte Celia endlich die Wahrheit über diese seltsam glitzernden Steinchen herausgefunden. Nun stand sie strahlend mitten auf dem Weg, tänzelte bald ein wenig und verlor sich in ihrem Wunderland.

Vertieft darin möglichst schnell und unauffällig das Zuckerdesaster zu beseitigen, bemerkte Robert erst sehr spät das kleine, verträumte Mädchen dort mitten in seinem Zuckerstückchenfeld. Celia sah ihn unverwandt an. Beinahe glaubte er, sie würde nur durch ihn hindurchschauen, irgendwo in das schöne Leere, das Tunnelende, zu dem alle schauen, wenn sie träumen. “Kaffee?”, fragte Celia, lächelnd auf den Boden zeigend.

No responses yet

Am Rand

Mar 17 2011 Published by eFrane under Fiction,Prose

Ich weiß, dass es nicht einfach wird. Wahrscheinlich wird es viel zu oft Missverständnisse geben und Streits. Solche von der “ach komm, das war blöd”-Sorte. Trotzdem möchte ich, dass es funktioniert.

Du lebst immer alles so leicht vor dich hin, stellst viel zu viele Fragen mit deinen Augen für die du die Worte nicht findest und hoffst, dass irgendwer kommen wird und dir die Welt erklärt. Da bist du an den falschen geraten. Welt erklären ist langweilig. Du selbst müsstest am Besten wissen, dass Herz erklären das einzig wichtige im Leben ist. Herzen verstehen heißt ein bisschen an der Oberfläche vom großen Ganzen zu kratzen, ein paar Krümel vom Sinn des Lebens aufzuheben und ein klein wenig von dem lernen zu können, was wirklich zählt.

Alles Kitsch. Klar. Du hast vollkommen recht. Das ist alles Kitsch. Doch was wäre denn, wenn kein Kitsch mehr wäre? Am Rande des Wahnsinns würden wir sehr schnell landen, ohne Kitsch. Darum lieber schön flauschig einwickeln und noch mit ein bisschen Glitzer verzieren. Zu viel Kitsch ist nie schädlich. Erst recht nicht, wenn man den Kopf mal Kopf sein lässt.

No responses yet

Das Café

Mar 10 2011 Published by eFrane under Fiction,Prose

Das Café war überfüllt. Die Luft stickig, durchsetzt von dem Geruch frisch aufgebrühten Tees. Es war eines dieser neumodischen, hippen Cafés. Der lange Schlauch eines Raumes teilte sich ein in den Sofabereich hinten und ein paar wenige Kaffeetische mit einer kleinen, aber doch zentralen Kaffeetheke. Profiliert hatte sich dieses Café insbesondere durch die Tatsache, dass es dort keinen Kaffee zu kaufen gab. Nur Kakao und Tee. Und Kekse.
Continue Reading »

No responses yet

Brief an M (2)

Feb 10 2011 Published by eFrane under Fiction,Prose

Liebe M.,

einige Zeit ist vergangen, seitdem wir uns das letzte Mal begegnet sind. Wir haben uns zwar sehr wohl einige Male gesehen, doch das Sehen allein reicht für eine Begegnung nicht.

Ich habe mich oft gefragt, was wohl alles passieren könnte, wenn die räumliche Distanz so groß wird, dass sie anfangen kann an der Bauch-, Herz- und Kopfnähe zu knabbern und den ein oder anderen Brocken davon abbeißt. Ich habe mir immer eingeredet, dass unsere Nähe bleiben wird, weil – so vermutete ich – sie nicht die alltägliche, dahergebrachte Supermarktsonderangebotsnähe ist, sondern eben mehr, intensiver könnte man sagen, schöner vielleicht auch, anders in jedem Falle.

Natürlich lag ich falsch. Glaube ich zumindest.
Beweis mir das Gegenteil. Vielleicht irre ich mich ja. Das wäre schön, nicht nur, weil irren so unglaublich menschlich ist und deswegen viel zu oft als Schwäche abgetan und nicht akzeptiert wird.

Du fehlst. Trotz allem. Mehr als vorher sogar.

Es gibt Momente, in denen möchte ich einfach nur sein, ohne irgendwelche Verpflichtungen. Es sind diese Momente, die ohne dich nicht die selben sind. Es sind diese Momente, die ohne Dich nicht funktionieren. Diese Momente sind die einzigen, die immer etwas bedeuten.

Wenn wir uns treffen könnten, um zu warten, bis die richtigen Worte kommen und dann zu reden, bis all diese Worte gesagt und verstanden sind, wenn das ginge, würde ich anfangen, an die Zeit zu glauben, die alle Wunder heilt.

An dieser Stelle würde jeder dritte Brief dieser Art wohl diese eine gewisse Zeile aus Disarm von den Smashing Pumpkins enthalten. Denk sie dir einfach.

Komm, lass uns wieder gemeinsam schweigen lernen.

e

No responses yet

Rien ne va plus

Jan 30 2011 Published by eFrane under Fiction,Prose

Du sitzt am Fenster und betrachtest die Welt um dich herum. Neben dir stehen leere Tassen. Einige mit Kaffeerand, einige mit Teerand, eine mit Pelz. Du sitzt schon eine ganze Weile dort. Mehr oder weniger reglos. Sprachlos. Worauf du wartest, weißt du wahrscheinlich selbst nicht, zumindest bist du dir nicht sicher. Sonst würdest du nicht warten. Du gehörst nicht zu denen, die warten, wenn sie keine Zweifel mehr haben.

Seit Stunden gehe ich in kürzer werdenden Abständen nach dir sehen. Schaue nach, wie es dir geht, versuche herauszukriegen, ob ich dir helfen kann. Irgendwie. Irgendwas. Hoffentlich bald. Ich hoffe das weniger für mich, als für dich, der Anblick deiner Augen, deiner verlorenen, beständig suchenden Augen, trifft mich, berührt mich tiefer und nachhaltiger als alles andere, was jemals war. Ich weiß nicht mehr wie lange wir uns schon kennen, Ewigkeit ist da zumindest kein all zu falscher Ansatz, doch noch nie, niemals habe ich dich oder irgendjemand anderen so verloren, verlassen, verzweifelt, ver-alles gesehen.

Meistens ändern sich die Dinge nur, wenn man gerade mal unaufmerksam ist. Da zwinkert man einmal kurz mit einem halben Auge und schon hat sich die Welt gedreht. Zweimal. Du zwinkerst nicht. Du möchtest nicht unaufmerksam sein. Keine Sekunde verpassen, exakt den Moment einfangen, in dem sich alles ändern wird. Seit ein paar Minuten erst ist mir das klar geworden. Bis eben noch dachte ich, du wartest, um zu vergessen. Doch du willst nicht vergessen, du willst alles in dich aufsaugen, speichern, bis in alle Ewigkeit in den tiefsten Ecken deines Herzens verwahren – wofür? Um später mal zu wissen, dass du die richtige Entscheidung getroffen hast? Um hier sitzen zu können, solange, bis alles um dich herum mit dir trauert? Um zu verarbeiten, was passiert ist?

Ich stehe in der Küche und setze gerade frischen Tee auf, als ich merke, wie du dich an mich anschmiegst und leise, ganz leise anfängst zu erzählen. Wenn das Herz “Rien ne va plus.” sagt, fängt man an, seine Geschichte zu erzählen. Dann gibt es keine fremden Erlebnisse mehr, die wichtig scheinen, keine Nacherzählungen von alten Geschichten, einzig das eigene Leben will erzählt werden. Episode für Episode, jede Kleinigkeit, jedes Erlebnis möchte raus, frei sein, verstanden werden. Die meisten Dinge kann man erst verstehen, wenn man sie erzählt hat.

Die Teebeutel liegen noch immer auf dem Tisch und das gekochte Wasser ist schon seit langem wieder kalt geworden, es ist keine Teezeit mehr, ich bin auf der Suche nach den Fragen zu deinen Antworten.

One response so far

Nina

Jan 15 2011 Published by eFrane under Fiction,Prose

Die letzten zaghaften Oktobersonnenstrahlen bahnten sich gerade ihren Weg an das verstaubte Fenster, zum Eindringen bereits zu schwach. Innen fehlte es auch nicht an Licht oder Wärme. Nur an Nähe.

“Nina.” stand auf der Postkarte. Vorne drauf war eine Herbstlandschaft abgebildet. Nicht unähnlich derer, die draußen vom Abendnebel gefangen genommen wurde.

“Nina?” stöberten die Gedanken wie der die Blätter herunter zwingende Wind durch seinen Kopf. Er konnte sich erinnern. An jede einzelne Sekunde. Als sei es gestern gewesen. Dabei war das gar nicht sein Leben. Nina war das Mädchen aus seiner Lieblingsgeschichte. Geschichten schicken normalerweise keine Postkarten. Darauf brauchte er erstmal eine große Tasse Tee.

“Hallo,

wir kennen uns nicht und doch haben wir uns schon unzählbar oft getroffen. Ich weiß nichts über dich, nur vermuten kann ich, dass du mich magst. Die Seiten, auf denen ich geschrieben stehe, sind alt geworden. Zerschlissen beinahe. Deswegen wende ich mich an dich, meinen liebsten, treuesten, vorsichtigsten Leser. Den, der schon so lange und unerschütterlich versucht, mich zu ergründen, mich zu verstehen. Doch schau, ich möchte dir ein großes Geheimnis und ein kleines Geheimnis verraten: Wenn Autoren ein Werk vollendet haben, verraten sie diesem, was es ist, doch leider, leider war mein Autor ein bisschen verrückt, denn er kam damals zu mir und sagte: Du bist nicht, wer du sein solltest, wirst nie, wer du sein wolltest, und doch kannst du alles schaffen. Ich kann mir deinen verwirrten Blick gerade gut vorstellen. Ich bin es auch. Darum eine Bitte: Kauf ein neues Exemplar von mir, ich gehe kaputt.

Nina.”

2 responses so far

Held

Jan 06 2011 Published by eFrane under Fiction,Poetry

Ich schreib dir keinen Liebesbrief,
Keine Worte finde ich.
Ich schreib dir keinen Liebesbrief,
Doch mit einer Rose komm ich.

Werde mich vor dich stellen,
Licht und Schatten sein,
Wie eine ewige Welle
Immer dein Antrieb sein.

Immer die Rose bewahren,
Den größten Schatz – verkannter Held:
Glück in seiner reinen Form.

Kurz vor dem Ende der Welt,
Während des letzten Sturms,
Wenn wir ewig ewig ewig waren.

No responses yet

Das Ende

Dec 26 2010 Published by eFrane under Fiction,Prose

Hier, an dieser Kreuzung, hier haben wir gestanden, letztes Jahr, am selben Tag, ungefähr zur selben Zeit, du und ich. Damals gab es noch kein wir. Damals hast du schüchterne Blicke auf den Boden geworfen und ich versucht den Mittelpunkt der Erde in meinen Jackentaschen zu finden. Damals.

Downtown Corner at Night

Heute gibt es kein wir mehr. Heute ist es zu Ende. Zu Ende, bevor es richtig anfangen konnte, bevor wir wir sein konnten, bevor alle Chancen ihre Zeit hatten.

Wir werden uns beide unsere Fehler nicht eingestehen, wir werden beide schweigen, versuchen zu vergessen. Was jetzt folgt ist die ewige Frage, wir sehr man eine möglicherweise falsche Entscheidung bedauern kann. Und wie gut man sich einreden kann, dass es eben doch keine falsche Entscheidung war und das man sie ja auch nicht allein, sondern im Grunde gemeinsam getroffen hat.

“Es ging ja gar nicht anders.”

Das wird der bestimmende Satz sein. Wir wissen beide nur zu gut, wie dumm dieser Satz ist, doch wir wissen auch, wie gut er als Schutzschild vor der Wahrheit geeignet ist.

No responses yet

Auf in den Tag

Dec 17 2010 Published by eFrane under Fiction,Prose

Sechs Uhr Zweiunddreißig. Einsam schimmern die Siebensegmentanzeigen des Digitalweckers in die noch gnadenlose Dunkelheit des neuen Tages. Gemessen an der stechenden Kälte, der die den Wecker ausschaltende Hand ausgesetzt ist, während sie nach einem erfolgreichen Tastendruck die Fernbedienung sucht, möchte der Rest des Körpers gar nicht an das nun folgende denken. Musik ist das einzige, was den Rest des Körpers möglicherweise rechtzeitig dazu animiert, die wohlige Wärme des Bettes zu verlassen.

Ein kurzes klicken, noch einen Moment Ruhe, dann hat sich der Zufallswiedergabealgorithmus entschieden. Amos Lee. All My Friends.

Irgendjemand muss den Kaffee ansetzen. Das einzige mehr oder wenige wache Wesen im Haushalt zu sein bedingt leider, diese Aufgabe übernehmen zu müssen. Starbucks könnte wirklich endlich mal einen Lieferservice mit Abonnements und allem drum und dran einführen. Für diese Tage, an denen der Weg zur Kaffeemaschine nicht nur mit dem Kampf gegen erneutes einschlafen sondern auch mit dem gegen die unsägliche Kälte verbunden ist.

Radiohead. You and whose army?

Wenn die Liedabfolge nach dem Aufstehen den Tagesablauf bestimmt, wird das wohl eher einer der schlechteren Tage. Andererseits wird Melancholie nicht über, sondern unterbewertet. Außerdem ist der Kaffee gerade im fertig werden und das ist doch schon ein relativ ernst zu nehmendes Zeichen dafür, dass es zumindest kein ganz schlechter Tag werden kann.

Lykke Li. Paris Blue.

Einpacken. Zwiebelhautprinzipjunkie. Und dann noch ein paar Schals zur Dekoration, man kann nie genug Schals haben. Ein kurzer Blick auf das Thermometer suggestiert, dass mehr als ein paar Schuhe an den Füßen und mehr als eine Mütze auf dem Kopf auch durchaus eine Überlegung wert wären. Der darauf folgende Blick in den Spiegel sagt das genaue Gegenteil.

Auf in den Tag.

One response so far

Tränen lügen nicht

Dec 08 2010 Published by eFrane under Fiction,Prose

Tränen lügen nicht. Das wurde mir klar, als du wiederkamst, drei Jahre nachdem wir uns das letzte Mal begegneten.

Alles hat sich verändert, seitdem. Zumindest kommt es mir so vor. Vielleicht habe auch nur ich mich verändert. Oder ich bin der einsame Fels in der Brandung, der unverändert allen Widrigkeiten trotzt und alles andere ist nicht mehr so wie früher.

Du bist noch genau so wie du warst. Du versucht dich zu verstecken, hinter einer anderen Frisur, deinem “neuen Selbst”. Doch deine Augen verraten dich.

Tränen lügen nicht.

YouTube Preview Image

No responses yet

« Prev - Next »