meandering soul

»Am Ende kommt meist sowas Absurdes wie ewige Liebe.«

Reboot

Ich möchte wieder mehr schrei­ben. Ich möchte aufhö­ren, jedes Wort immer vier Mal umzu­dre­hen, nur um es am Ende doch nicht in die Waag­schale zu werfen. Es sind zu viele Sätze durch den Kopf gegan­gen, die nicht aus der Feder durf­ten.

 

Eine halbe Sekunde – Teil 2

Lene war bereits mit einer Hand dabei eine Tasche zu packen, als sie am ande­ren Ende der Leitung dumpfe Schritte hörte.

„Anton? Anton bist du das?“
„Lene? Ja. Ich…Tim…“
„Anton wo bist du?“
„Tim, er…“
„Sag mir einfach wo du bist Anton, ja? Ich sitze schon fast im Auto.“

Lene hatte schon beim ersten Klin­geln des Tele­fons ein ungu­tes Gefühl im Bauch gehabt. Sie notierte sich die Adresse, die Anton ihr nannte auf dem Block neben dem Tele­fon, riss das erste Blatt ab und steckte es sich in die Hosen­ta­sche.

„Lene?“
„Ja?“
„Danke.“
„Noch bin ich nicht da. Bleib wo du bist, okay?“

Seine Antwort hörte sie schon nicht mehr. Während sie fuhr blickte sie immer wieder nervös auf die kleine digi­tale Uhr am Arma­tu­ren­brett. Lene hoffte nur, dass Anton keine Dumm­hei­ten machen würde. Seit Minu­ten drückte sie das Gaspe­dal unbe­wusst durch.

Anton ging zurück in das Zimmer, strich mit einer Hand über die Reise­ta­sche. Der Gedanke daran, dass Lene bald hier sein würde ließ ihn einmal tief durch­at­men. Er zog den Reiß­ver­schluss zu, griff nach der Tasche und machte sich auf den Weg zur Rezep­tion.
Als die Tür aufging musste er nicht einmal aufbli­cken, um fest­zu­stel­len, dass es Lene war, die da herein kam. Er stand auf und ihre Blicke trafen sich. Sie machte ein paar Schritte auf ihn zu, streckte den Arm nach der Tasche aus und griff mit ihrer freien Hand nach der seinen.
„Lass uns was essen gehen. Und dann soll­test du nach Hause fahren. Wir soll­ten nach Hause fahren.“
Der Griff um Lenes Hand wurde fester.

Schwei­gend saßen sie sich gegen­über. Anton stocherte in seinem Rührei herum, während Lene ihn mit ihren ruhi­gen Augen betrach­tete. Das konnte sie schon immer gut. Sie versprühte diese wunder­bare Ruhe, sobald sie einen Raum betrat. Anton öffnete das kleine Seiten­fach der Tasche, zog das Tage­buch seines Bruders heraus und schob es vorsich­tig über die Tisch­platte. Keiner sagte ein Wort. Eine junge Frau trat an ihren Tisch und fragte höflich, ob sie noch Kaffee nach­schen­ken dürfe. Anton nickte fast unmerk­lich und Lene lächelte freund­lich.

„Ich musste weg. Es ging nicht anders. Dabei wusste ich noch nicht einmal wohin ich denn gehen sollte. Weg. Ich musste weg wie er auch einfach ging.“
„Ich weiß.“

Anton wusste, dass Lene mit ihm fahren würde, er musste nur etwas sagen. Ihm war bewusst, dass er nicht ewig vor seiner Vergan­gen­heit davon­lau­fen konnte, es war nur so viel einfa­cher sich nicht umzu­dre­hen. Für den Bruch­teil einer Sekunde spielte er mit dem Gedan­ken die Kamera auszu­pa­cken und Lene zu foto­gra­fie­ren. Lene. Er musste ihr nicht erklä­ren was passiert war, sie verstand auch ohne Worte. So war Tim auch gewe­sen.

Anton stand auf. Er konnte nicht mehr ändern was passiert war, aber er musste versu­chen zu verhin­dern, dass weitere falsche Entschei­dun­gen getrof­fen wurden. Lene sah ihn an, nickte, legte Geld auf den Tisch und folgte ihm zum Auto.

Klick. Lene löste ihren Blick von der Straße und sah Anton an. Klick. Sie musste lächlen. Klick.

(Den ersten Teil gibt es beim farben­mäd­chen.)

 

Bleib doch noch einen Moment

Bleib doch noch einen Moment und hör dem Wind zu. Lass mich bei dir sein. Ich bin da.

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(Über­wind­bare) Gren­zen

Es gibt eine Form von Aben­d­rot, dessen Schön­heit weit über das norma­ler­weise greif­bare hinaus­geht. Es ist dieses Aben­d­rot, welches einem, wenn auch nicht für viel mehr als eine halbe Stunde, das Gefühl gibt, dass all die großen und klei­nen Probleme in der Welt und all die größe­ren und klei­nen Sorgen, die man selbst mit sich herum trägt, nicht von Dauer sein können. Die pure Eleganz der Erschei­nung und deren Nähe zum Rand der Vorstell­bar­keit lässt Magie durch den Betrach­ter wandern. Viel­leicht braucht es nur ein paar mehr dieser Aben­d­rote und ein paar mehr Menschen, die diese Magie spüren, damit am Ende tatsäch­lich alles gut wird.

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Schlan­gen­li­nien

Ich will stehen blei­ben. Nur für einen Moment. Mich einmal nicht bewe­gen. Auch nicht im Kopf. Mir ist bewusst, sehr schmerz­haft sogar, dass das nicht geht. Doch gerade deswe­gen und genau deshalb wünschte ich so sehr, es wäre möglich. Es geht mir doch nur um ein paar Sekun­den. Einen klei­nen Moment Ruhe von dem ewigen Sturm, von den unend­lich einströ­men­den Dingen, dem Zwang stän­dig zu fühlen. Zu reagie­ren und zu retro­spek­tie­ren. Zu reka­pi­tu­lie­ren wäre ange­brach­ter, womög­lich sogar ohne das Prefix, man müsste tatsäch­lich ein einzi­ges Mal nur sich nicht im mindes­ten kümmern müssen um die Menschen, die Herzen und all die Schmer­zen, die um einen herum sich in endlo­sen Schlan­gen­li­nien verkno­ten.

 

Anywhere Is

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the waves still keep on waving
and I still keep on going
 

I will survive

Tagein tagaus lebt man Musik hörend vor sich hin, mal mehr als Texte­hö­rer, mal mehr als Melo­die­hö­rer, mal als Ryth­mus­ge­nie­ßer, doch die ganze Zeit über bleibt die Sicher­heit, dass das ja alles nur Kunst ist. Kunst, die einem bei aller Schön­heit oder endlo­ser Trau­rig­keit nichts anha­ben kann, die einen nur kurz berührt, kaum spür­bar, diese Art der Berüh­run­gen, die mit dem nächs­ten Schul­ter­zu­cken schon lange der Vergan­gen­heit ange­hö­ren.

Wir fühlen uns immer so sicher vor Kunst, solange sie uns nicht im falschen Moment anspringt. Wir sind ja so dumm.

Wir soll­ten aufhö­ren, zu verges­sen, dass Künst­ler immer eine Botschaft trans­por­tie­ren wollen, egal, wie gut sie sie vepa­cken. Insbe­son­dere dann, wenn wir mal wieder im falschen Moment von wem auch immer das unver­ges­sene „…as long as I know how to love I know I'll stay alive…“ hören und uns zu allem Übel und weil es so viel Spaß macht, sich selbst ein biss­chen zu quälen, fragen, ob man wirk­lich wissen muss, wie man liebt, um zu über­le­ben.

 

Nur gesta­pelte Gedan­ken

  • 5 years ago veröffentlicht
  • Ein Kommentar
  • Erwartete Lesezeit: 02:07 min

An manchen Tagen geht einfach zu viel zwischen den Zeilen verlo­ren. An ande­ren Tagen steht dort zu viel. Eigent­lich wäre in beiden Fällen alles gut, wenn da nicht immer so viele Frage­zei­chen übrig blei­ben würden. Und dazu dann der ewige Drang, alles analy­sie­ren zu müssen. Den Kopf einfach nicht ausschal­ten können. Nicht einmal für ein paar Sekun­den. Selten ist die Grenze zwischen Gedan­ken­welt und Wirk­lich­keit so verwa­schen, wie in ster­nen­kla­ren Näch­ten. Selten sind Sommer so bewölkt, wie dieser. Die Gedan­ken sind nicht frei. Im Kopf, ja. Aber irgend­wann müssen sie doch dort auch mal raus. Im Ange­sicht der verzwick­ten Lage wäre es sicher ratsam, aufzu­hö­ren, darüber nach­zu­den­ken, weni­ger nach­zu­den­ken.

Zwischen den zermürb­ten, zu oft wieder­ge­käu­ten Gedan­ken quälen sich fort­wäh­rend Radio­head und Suede durch den Kopf. Immer mit einer unver­kenn­ba­ren Prise Zynis­mus. Die Musik­wie­der­ga­be­ge­räte werden nicht mehr benö­tigt, denn die Musik ist schon so tief in den Körper gedrun­gen, dass jede äußere Einwir­kung dersel­ben mehr als zweck­los, ja sogar in vieler Hinsicht schäd­lich, gewor­den ist. Es wäre aber trotz­dem eine Über­le­gung wert, die Klage­stim­men anzu­schal­ten und mit ihnen gemein­sam das Plagende, Trei­bende, Pochende aus dem Körper zu trei­ben.

Es gibt schon zu viele Bücher, Filme, Lieder über dieses Thema. Es gibt schon zu viele trau­rige Menschen. Es gibt schon zu viele gute Gründe, in diesem Zustand zu sein. Hier gibt es keinen. Hier gibt es kein Setting, kein Plot, keine epische Geschichte, die das alles erfor­dert. Hier gibt es nur gesta­pelte Gedan­ken, denen ein unsicht­ba­rer Käfig über­ge­stülpt wurde.

(People just don’t really talk anymore, do they?)

 

Die Stra­ßen­la­terne

Die Stra­ßen­la­terne wollte in ihrem lang­wei­lig vor sich hinglim­men­den Leben endlich mal etwas erle­ben und posi­tio­nierte den Brief­kas­ten derart um, dass er fast einem Taxi zum Verhäng­nis wurde.

In Wahr­heit war die Geschichte jedoch ganz anders, doch der zufäl­lig vor Ort gewe­sene Hund würde sich hüten, irgend­je­man­dem die Wahr­heit zu erzäh­len. Zumal er seine Stimme scho­nen musste, über­mor­gen stand schließ­lich der alljähr­li­che Bell­wett­be­werb an.

In Wahr­heit also, und dass weiß ich nur, weil mir eben dieser Hund sehr großes Vertrauen schenkt und wir seit Jahren eine umfang­rei­che Brief­kor­re­spon­denz führen – nun, ich schweife ab. In Wahr­heit also, war es der Taxi­fah­rer.

Das scheint etwas unglaub­wür­dig werden Sie sagen. Nun, da haben Sie durch­aus recht. Aber Sie müssen schon zuge­ben, dass ein glim­men­des Dasein viel­mehr zu einem Taxi­fah­rer, als zu einer stolz ihrer ganzen Umge­bung Licht spen­den­den Stra­ßen­la­terne passt. Wie gut, dass wir uns in diesem Punkte einig sind. Der Hund – Manfred von Rein­hards­hau­sen heißt er übri­gens – schrieb also in seinem Brief ausführ­lichst – Der Herr in dem brau­nen Jacket soll sich doch bitte ein paar schö­nere Hunden­a­men ausden­ken, wenn ihm dieser nicht gefällt – wie auch immer, Manfred schrieb mir also, dass er bewei­sen können, dass sich diese selbst­süch­tige Lampe da etwas zu vorteil­haft ins Licht rücken wollte. Oder den Taxi­fah­rer? Sie sehen, ich bin verwirrt. Ich hoffe, sie sind auch schon lange vom roten Faden abge­kom­men, falls nicht habe ich die beun­ru­hi­gende Mittei­lung zu über­brin­gen, dass der Hund leider mit seinen Ausfüh­run­gen nicht fort­fah­ren konnte, da ihm die listige Katze Miranda, deren Domi­zil sich in einem gemüt­li­chen Eckchen des Brief­kas­tens befin­det, sein wunder­schö­nes rotes Erzäh­lungs­woll­k­neuel erblickt hatte und nun mit seinem unse­rem diesem rotem Faden Katze­weiß­was anstellte.

Warum Sie gekom­men sind? Wer weiß, viel­leicht hatten sie gehofft, dieser drol­lige Hund neben mir könne tatsäch­lich solch irrwit­zige Geschich­ten erzäh­len.

Es war übri­gens der Brief­kas­ten, er hatte ein paar trau­rige Liebes­briefe zu viel abbe­kom­men und wollte seinem Dasein ein Ende setzen.

 

Erzähl mal was

  • 5 years ago veröffentlicht
  • Ein Kommentar
  • Erwartete Lesezeit: 03:36 min

Wir liegen im Bett. Die Decke ist wunder­bar kusche­lig, die Kopf­kis­sen haben alle genau die rich­tige Posi­tion, man könnte sofort einschla­fen. Es ist unglaub­lich ruhig im Hinter­grund. Bei dir. Bei mir nicht. Zwischen uns befin­den sich viele hundert Kilo­me­ter. Ganz nah sind wir uns trotz­dem. Tele­kom­mu­ni­ka­tion ist eine prak­ti­sche Erfin­dung.

„Erzähl mal was.“ sagst du in die Stille hinein. Die meis­ten Stim­men hätten die Stille damit grau­sam zerschnit­ten. Deine nicht. Sanft, gera­dezu engels­gleich, glei­tet sie durch den Äther und ich muss lächeln, wenn ich dich spre­chen höre.

Jedes Mal.

„Erzähl mal was.“ sagt deine Stimme noch einmal. Dies­mal nur in meinem Kopf. Du schweigst bereits wieder. Erwar­tungs­voll. Ich kann dein Lächeln hören, durch den Ryth­mus, in dem du atmest. Ich denke nach. Ich möchte, dass du die ganze Nacht lächelst, wegen dem, was ich dir erzäh­len werde. Es ist gar nicht so einfach, schö­nes zu erzäh­len. Das trau­rige, bedrückende, das geht im schüt­zen­den Dunkel der Nacht immer leicht von der Hand, doch Worte zu Sätzen zu formen, die deine Lippen zum Lächeln brin­gen…

Wahr­schein­lich wäre alles viel einfa­cher, wenn ich gewillt wäre, dir eine Geschichte zu erzäh­len, aber ich möchte dir heute keine Geschichte erzäh­len. Ich möchte dir von mir erzäh­len. Ich möchte, dass du wegen einem erzähl­ten Erleb­niss und nicht wegen einer Geschichte mit Zwangs­hap­pyend lächelst.

Das ist er, der fatale Moment, der immer dann auftritt, wenn man Hände ringend nach Erin­ne­run­gen sucht und der Kopf gerade mehr Leere aufweist, als alle leeren Studen­ten­kühl­schränke der Welt zusam­men. In freier Wild­bahn wird dies ja meist durch das verhasste „Erzähl doch mal einen Schlag aus deiner Jugend“ ausge­löst. Völlig unbe­ab­sich­tigt natür­lich. Obwohl jeder weiß, wie viele Hämmer im Kopf verlo­ren gehen werden, bis ein Schlag trifft und erzählt werden kann. Nun gut. Soviel zum Normal­fall. Normal­fälle sind schein­bar gerade nicht kompli­ziert genug. Nein, ich musste ja unbe­dingt so schlau sein und mich selbst in diese miss­li­che Lage verfrach­ten.

Bis jetzt sind seit deiner Bitte unge­fähr zehn Sekun­den vergan­gen. Wenn über­haupt.  Zeit ist nicht so gut mess­bar, wenn man mit sich selbst disku­tiert. Die nullte Regel ist, es gibt keine erste Regel. Naja. So ähnlich. Jeden­falls hängt das damit irgend­wie zusam­men. Glaube ich. All diese Gedan­ken flie­gen durch den großen leeren Raum. Und sie finden einfach keinen Platz um zu landen.

Tragisch, das.

Da! Ein Einfall! Ganz schwach kann ich ihn schon spüren, wie er sich lang­sam empor­win­det und zu seiner vollen Pracht heran­wächst.

„Was möch­test du denn gerne hören?“ frage ich, um etwas Zeit zu gewin­nen. Mir ist nun zwar klar, dass ich gleich wissen werde, was ich erzäh­len werde, doch finde ich es auch immer wieder wich­tig, von dir zu erfah­ren, was du gerne hören würdest.

Du antwor­test. Ich muss lächeln. Einen kaum spür­ba­ren Moment später fange ich an zu erzäh­len. Und mein Herz wird mit jeder Sekunde glück­li­cher, weil es dir beim Lächeln lauschen darf.