Fast mechanische Bewegungen

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Du hast mir schon so viele wunderbare Briefe geschrieben. Ich habe mir immer gerne vorgestellt, dass du nur deshalb nicht mit mir geredet hast, wenn wir uns auf einen Nachmittagskaffee im Parisienne trafen, weil dein Kopf schon wieder in den Zeilen hing. Wie oft habe ich dir geantwortet? Hast du meine achtlosen, nein, nicht achtlosen, da vergaß ich einen Buchstabe; hast du meine machtlosen Antwortzeilen aufgehoben? Ich habe jedes sorgsam gefaltete Blatt deiner Korrespondenz verwahrt. Besonders im Winter, wenn die Nächte in meinem Dachkämmerchen kalt und unfreundlich sind, hole ich sie noch heute gerne aus ihrer Kiste und blättere in unserer Vergangenheit. Das wollte ich dich schon seit langem fragen: Kann etwas vergangen sein, was nie begonnen hat? Kann etwas vergehen, was nur auf Papier bestand hatte, im wirklichen, wahren Leben jedoch selten für mehr als einen Latte Macchiato gehalten hat? Gestern kam ein Brief von dir. Im ersten Moment konnte ich es kaum glauben. Seit siebzehn Jahren war ich in dem Glauben, du hättest mich vergessen. Seit siebzehn Jahren schlief ich oft unruhig, träumte von plötzlich um die Ecke rauschenden Autos, Stadthausfenstern aus denen Flammen schlugen, Schemen, die in dichtem Nebel von einer Brücke fielen. Manchmal, wenn der kalte Schweiß mich weckte, war ich fast sicher, dass ich aufhören sollte zu warten. Manchmal hatte ich keine Hoffnung mehr. Doch heute, heute halte ich endlich wieder einen von deiner Hand beschrifteten Briefumschlag in meiner. Es steht kein Absender auf der Rückseite. Du hast nie deine Absenderdaten hinterlassen, aus Vorsicht. Auf meinen seltenen Antwortbriefen stand auch nie meine Adresse. Zu große Angst hatten wir beide, Jacques könnte sich etwas zusammenreimen. Wir konnten ja nicht sicher sein, dass unsere stille Abmachung immer funktionieren würde. Wenn du schriebst, hatte ich zwei Tage und drei Nächte Zeit, einen Antwortbrief auf den Weg zu bringen. Du sagtest, Jacques wäre oft auf Dienstreise. Du sagtest, du würdest mir so schreiben, dass diese Antworten ankämen, wenn er weg wäre. Du sagtest, es wäre zu gefährlich, ansonsten. Nie aber sagtest du ihm, was nur die Briefe erfahren haben.

Kannst du dich noch daran erinnern, wie wir uns kennen lernten? Es ist schon ein paar Jahre her. Übermorgen sind es fünfzig. Fast könnte man meinen, du hättest genau aus diesem Grunde geschrieben. Dein Brief liegt noch immer ungelesen neben mir. Ja. Ich habe mich verändert. Das liest du ganz richtig. Ich habe zwar sicher noch immer nur einen Bruchteil von deiner Wortgewandheit, aber diesen habe ich mir mühsam erkämpft. Als keine Briefe mehr von dir kamen, als ich alles, was du mir geschrieben hattest, bis zum Aufstoßen auswendig gelernt gelesen hatte, als ich mich darauf zum ersten Mal seit Jahrzehnten an den wundervollen Wein, den wir damals, beim ersten Mal, geteilt haben, erinnerte, fing ich an. Ich schrieb. Zunächst tat die Hand sehr schnell weh. Dann beide Hände, weil ich dachte, auf der Schreibmaschine – ja, die Schreibmaschine, soweit war es gekommen. Nach einer Weile fügten sich die Hände in ihr neues Schicksal, was blieb war das unablässige Treiben im Kopf. Wie hältst du das bloß aus? Es ist grauenvoll. Ich kann nicht mehr aufhören zu schreiben, weil mein Kopf seither keine Ruhe mehr lässt und immer neue Zauberwelten aus seinem Unterbewusstsein gräbt, in die er dich liebend gerne einmal einladen würde. Ich habe sie alle auf Papier gebracht. Jede einzelne ist ein Paradies nur für uns zwei. Jede einzelne wartet darauf, dich kennen zu lernen. Jede einzelne vermisst dich mit jedem Wort mehr, als es sich für Wörter ziemt. Doch, ich schweife ab. Damals, als wir uns kennen lernten, warst du diejenige, welche. Du kamst auf mich zu und fingst einfach an zu reden. Deine Augen halfen hin und wieder aus und sprachen die Satzzeichen, weil dein Mund, dein mich betörender, schon wieder einmal einen Sprung ins Dickicht eines neuen Satzes gemacht hatte. Ich war fasziniert. Warum ich damals eigentlich ins Parisienne gegangen war, noch dazu abends, weiß ich heute nicht mehr. Vielleicht warst du auch von vornherein der Grund. Vielleicht ist das Ankommen der einzige Grund des Aufbrechens. Sind alle die, die nur aufbrachen, um gegangen zu sein, glücklich geworden? Sind sie gar alle ebenso sehr belohnt worden wie ich? Wie du?

Ich sollte deinen Brief lesen, aber mein Kopf vermittelt mir durch nicht enden wollende, fast mechanische Bewegungen meiner Finger, dass er dazu bei weitem noch nicht bereit ist. Er war schon immer etwas stur, würdest du sagen. Recht hast du. Deiner konnte da allerdings auch immer gut mithalten. Du hättest mir damals gleich von Jacques erzählen sollen. Dann hätte ich dir nie diesen Kuss gegeben. Es war immer nur dieser eine Kuss. Ich zehre noch heute davon. Aber nein, du wusstest es besser. Du schriebst mir einmal, dass es nichts wertvolleres und zugleich nichts schmerzenderes in deinem Leben gäbe als die Erinnerung an meine Lippen. Was ist mit seinen? Sind sie noch immer fremd, kalt und leer? Beteuern sie dir noch immer eine Liebe, die du nicht erwidern kannst? Du sagtest einmal, wenn du Klavier spielst, sei das viel mehr ein schwarzweißes Hoppla, als irgendetwas besonderes. Ich sagte dir darauf, dass jede der von dir berührten Tasten sich sicher geehrt fühlt, deine Finger kennen gelernt haben zu dürfen. Ich habe sie auch kennen gelernt. Zugegebenermaßen verhältnismäßig spät an jenem Abend. Hände sind wichtig. Das wird oft unterschätzt. Man kann so manchem Menschen sein ganzes Leben an seiner Hand ablesen. Anderen wiederum, jenen wie dir, sieht man auf die Hände und spürt, wie verbraucht die eigenen sind. Ich wollte nach unserer Hände Begegnung, was sage ich, ich konnte nach unserer Begegnung lange nicht auf meine Hände schauen, ohne deine zu sehen. Ganz zu schweigen davon, diese doch eigentlich als Werkzeuge gedachten Anhängsel auch bewusst als solche zu nutzen.

Als ich jung war konnte mich das Kratzen von Stiften auf Papier und später ebenso effektiv das Klacken von Schreibmaschinentastaturen jederzeit gründlich aus der Fassung bringen. Es hat seine Zeit gedauert, bis sich – nachdem mich dein Fehlen zum Schreiben brachte – nicht mehr bei jedem Anschlag mein Kopf in sein eigenes Reich verabschiedete und mir verschlossen blieb. Heute weiß ich, dass man nicht immer alle einstmals verstauten Gedanken und Erinnerungen einfach so abrufen kann. Schubladendenken ist zwar ein grässlicher Begriff, aber nicht all zu fern ab von meiner Wahrheit, in der bestimmte Erinnerungen bestimmte Situationen brauchen um abrufbar zu sein. Jacques ist eine dieser Erinnerungen. Das traf sich meist sehr hervorragend, weil ich nicht oft über ihn nachdenken wollte. Doch jetzt, jetzt muss ich. Denn jetzt hast du geschrieben und ganz egal, was du geschrieben hast, ist mir in all den Jahren eines nur zu bewusst geworden: Es ging nie um uns. Es ging immer um ihn. Ob das seine oder deine Entscheidung war, weiß ich bis heute nicht. Sag es mir, bitte. Sag mir bitte auch die Wahrheit über uns. Über mich. Bin ich jemals mehr für dich gewesen als ein Kuss, ein paar unbeschwerte Treffen im Café und ein geheimer Briefwechsel? Wieviel Wert hat etwas, dass nie zwischen den Zeilen hervor geholt wurde. Für mich warst du immer die einzige. Dir galt und gilt mein ganzes Leben. Auch der Teil, in dem ich nicht wusste, ob dir meines überhaupt noch etwas bedeutet. Aber genug davon. Ich sollte deinen Brief lesen. Vielleicht verstehe ich dann. Vielleicht gehe ich aber vorher noch einmal kurz in den Keller und hole mir etwas Wein.

Es war also Jaques. Als hätte ich es nicht geahnt. Was aber wichtiger ist: Es ist jetzt also nicht mehr Jacques. Verzeih. Das ist ungehobelt von mir. Es tut mir leid, dass er dich verlassen hat. Und doch freue ich mich, dass du endlich die Kraft gefunden hast, zu dir – zu dem was du bist – zu stehen. Ob wir uns treffen können, fragst du. Das weiß ich nicht. Willst du mich denn treffen? Hast du denn keine Angst davor, dass ich nicht mehr die bin, die du einstmals vielleicht liebtest? Ich vergötterte dich und ich werde nie aufhören können, das zu tun. Das habe ich schon mehr als einmal in den vergangenen Jahren versucht, doch du erschienst immer wieder. Meist genau dann, wenn ich es am wenigsten erwartete. Ich möchte dich wieder sehen. Ich möchte endlich mit dir all die ersten Male erleben von denen wir so oft verschlüsselt geschrieben und in Andeutungen gesprochen haben. Nach Paris fahren und unterm Sternenhimmel an der Seine spazieren. Im Wald hinter deinem Haus die Zeit vergessen. Leben, ohne an Morgen zu denken. Alle Sonnenuntergänge eines Sommers einrahmen, um sie am ersten Schlechtwettertag überall aufzuhängen. Aber. Ich habe Angst. Ich habe Angst, dass ich nicht mehr bin wie ich war. Du hast dich scheinbar nicht sehr verändert. Deine Worte zumindest haben es nicht. Aber es sind eben doch siebzehn Jahre vergangen, seitdem wir uns das letzte Mal ohne Papier und Druckerschwärze zwischen uns gesehen haben. Wir sind alt geworden. Wir haben gelebt. Die meiste Zeit nebeneinander, zuletzt mehr im gegenseitigen Schatten. Früher warst du mein Anker und der Grund, ins Ungewisse zu springen, wenn es nötig war. Kannst du das noch sein? Möchtest du das noch sein?