Rien ne va plus

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  • Published 8 years ago

Du sitzt am Fenster und betrachtest die Welt um dich herum. Neben dir stehen leere Tassen. Einige mit Kaffeerand, einige mit Teerand, eine mit Pelz. Du sitzt schon eine ganze Weile dort. Mehr oder weniger reglos. Sprachlos. Worauf du wartest, weißt du wahrscheinlich selbst nicht, zumindest bist du dir nicht sicher. Sonst würdest du nicht warten. Du gehörst nicht zu denen, die warten, wenn sie keine Zweifel mehr haben.

Seit Stunden gehe ich in kürzer werdenden Abständen nach dir sehen. Schaue nach, wie es dir geht, versuche herauszukriegen, ob ich dir helfen kann. Irgendwie. Irgendwas. Hoffentlich bald. Ich hoffe das weniger für mich, als für dich, der Anblick deiner Augen, deiner verlorenen, beständig suchenden Augen, trifft mich, berührt mich tiefer und nachhaltiger als alles andere, was jemals war. Ich weiß nicht mehr wie lange wir uns schon kennen, Ewigkeit ist da zumindest kein all zu falscher Ansatz, doch noch nie, niemals habe ich dich oder irgendjemand anderen so verloren, verlassen, verzweifelt, ver-alles gesehen.

Meistens ändern sich die Dinge nur, wenn man gerade mal unaufmerksam ist. Da zwinkert man einmal kurz mit einem halben Auge und schon hat sich die Welt gedreht. Zweimal. Du zwinkerst nicht. Du möchtest nicht unaufmerksam sein. Keine Sekunde verpassen, exakt den Moment einfangen, in dem sich alles ändern wird. Seit ein paar Minuten erst ist mir das klar geworden. Bis eben noch dachte ich, du wartest, um zu vergessen. Doch du willst nicht vergessen, du willst alles in dich aufsaugen, speichern, bis in alle Ewigkeit in den tiefsten Ecken deines Herzens verwahren - wofür? Um später mal zu wissen, dass du die richtige Entscheidung getroffen hast? Um hier sitzen zu können, solange, bis alles um dich herum mit dir trauert? Um zu verarbeiten, was passiert ist?

Ich stehe in der Küche und setze gerade frischen Tee auf, als ich merke, wie du dich an mich anschmiegst und leise, ganz leise anfängst zu erzählen. Wenn das Herz "Rien ne va plus." sagt, fängt man an, seine Geschichte zu erzählen. Dann gibt es keine fremden Erlebnisse mehr, die wichtig scheinen, keine Nacherzählungen von alten Geschichten, einzig das eigene Leben will erzählt werden. Episode für Episode, jede Kleinigkeit, jedes Erlebnis möchte raus, frei sein, verstanden werden. Die meisten Dinge kann man erst verstehen, wenn man sie erzählt hat.

Die Teebeutel liegen noch immer auf dem Tisch und das gekochte Wasser ist schon seit langem wieder kalt geworden, es ist keine Teezeit mehr, ich bin auf der Suche nach den Fragen zu deinen Antworten.

Nina

  • Reading time: 2 min
  • Published 8 years ago

Die letzten zaghaften Oktobersonnenstrahlen bahnten sich gerade ihren Weg an das verstaubte Fenster, zum Eindringen bereits zu schwach. Innen fehlte es auch nicht an Licht oder Wärme. Nur an Nähe.

"Nina." stand auf der Postkarte. Vorne drauf war eine Herbstlandschaft abgebildet. Nicht unähnlich derer, die draußen vom Abendnebel gefangen genommen wurde.

"Nina?" stöberten die Gedanken wie der die Blätter herunter zwingende Wind durch seinen Kopf. Er konnte sich erinnern. An jede einzelne Sekunde. Als sei es gestern gewesen. Dabei war das gar nicht sein Leben. Nina war das Mädchen aus seiner Lieblingsgeschichte. Geschichten schicken normalerweise keine Postkarten. Darauf brauchte er erstmal eine große Tasse Tee.

"Hallo,

wir kennen uns nicht und doch haben wir uns schon unzählbar oft getroffen. Ich weiß nichts über dich, nur vermuten kann ich, dass du mich magst. Die Seiten, auf denen ich geschrieben stehe, sind alt geworden. Zerschlissen beinahe. Deswegen wende ich mich an dich, meinen liebsten, treuesten, vorsichtigsten Leser. Den, der schon so lange und unerschütterlich versucht, mich zu ergründen, mich zu verstehen. Doch schau, ich möchte dir ein großes Geheimnis und ein kleines Geheimnis verraten: Wenn Autoren ein Werk vollendet haben, verraten sie diesem, was es ist, doch leider, leider war mein Autor ein bisschen verrückt, denn er kam damals zu mir und sagte: Du bist nicht, wer du sein solltest, wirst nie, wer du sein wolltest, und doch kannst du alles schaffen. Ich kann mir deinen verwirrten Blick gerade gut vorstellen. Ich bin es auch. Darum eine Bitte: Kauf ein neues Exemplar von mir, ich gehe kaputt.

Nina."

Maybe I'm Amazed

  • Reading time: 1 min
  • Published 8 years ago
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Maybe I'm amazed at the way you pulled me out of time.

Darf ich Leben

  • Reading time: 1 min
  • Published 8 years ago

Darf ich zögern? Darf ich weinen? Darf ich betrübt sein? Darf ich scheitern? Darf ich mich fallen lassen? Darf ich auch mal nicht da sein? Darf ich ich sein? Darf ich meine Rolle selbst bestimmen? Darf ich Leben?

Oder darfst nur du das alles?

Fünf Fragen (Januar 2011)

  • Reading time: 1 min
  • Published 8 years ago
  1. Gibt es Dinge, die man unter keine Umständen hinterfragen sollte?
  2. Kann es Schatten ohne Licht geben?
  3. Gibt es auf alles Beantwortbare für jeden zufriedenstellende Antworten?
  4. Wollen Menschen wirklich fliegen können oder eigentlich nur nicht akzeptieren, dass sie nicht überall sein können?
  5. Wieso gibt es Augen, die einem sogar dann die Wahrheit sagen, wenn man sie gar nicht sehen kann?

Zweifel

  • Reading time: 1 min
  • Published 8 years ago

Sag, kannst du mich noch einmal fragen? Welche Frage? Die letzte Frage. Die, die alles verändert hat. Damals war ich unsicher und du hast mich in einem unachtsamen Moment erwischt. Du wusstest, dass ich mit dir auch in das kälteste Wasser springen würde. Ich werde dir nie verzeihen, dass du das ausgenutzt hast. Nicht dafür. Nicht für das, was hätte sein können. Es gibt "Was wäre wenn?"-Fragen, die man nicht stellt.

Held

  • Reading time: 1 min
  • Published 8 years ago

Ich schreib dir keinen Liebesbrief,
Keine Worte finde ich.
Ich schreib dir keinen Liebesbrief,
Doch mit einer Rose komm ich.

Werde mich vor dich stellen,
Licht und Schatten sein,
Wie eine ewige Welle
Immer dein Antrieb sein.

Immer die Rose bewahren,
Den größten Schatz - verkannter Held:
Glück in seiner reinen Form.

Kurz vor dem Ende der Welt,
Während des letzten Sturms,
Wenn wir ewig ewig ewig waren.

2010

  • Reading time: 2 min
  • Published 8 years ago

gelesene Bücher:

  • Mia Bernstein – Erdbeerflecken
  • Georg Büchner – Leonce und Lena
  • Thomas Mann – Tod in Venedig
  • Chuck Palahniuk – Survivor
  • Johann Wolfgang von Goethe – Faust I
  • Elisabeth Rank – Und im Zweifel für dich selbst
  • Donna Tartt – The Secret History
  • Franz Kafka – Das Urteil
  • August Bebel – Charles Fourier. Sein Leben. Seine Werke.
  • Sun Tsu – Die Kunst des Krieges
  • Jorge W. Amado – Das Land der goldenen Früchte
  • Lewis Carrol – Alice\'s Adventures in Wonderland and Through the Looking Glass
  • Oscar Wilde – The Picture of Dorian Gray
  • Thomas Vogel – Die letzte Geschichte des Miguel Torres da Silva
  • Cormac McCarthy – No Country for Old Men
  • John Stave – Stube und Küche
  • Oscar Wilde – The Importance of Being Earnest
  • Alan Alexander Milne – Winnie-the-Pooh
  • William Shakespeare – Romeo und Julia
  • Jonathan Tropper – How To Talk To A Widower
  • Heinrich Heine – Deutschland, ein Wintermärchen
  • Neil Gaiman – Smoke and Mirrors
  • Nicholas Sparks – The Notebook
  • David Nicholls – One Day
  • Thomas Morus – Utopia
  • Karl Otto Henseling – Am Ende des fossilen Zeitalters
  • Claudia Rusch – Aufbau Ost
  • Christa-Maria Zimmermann – Die Straße zwischen den Welten
  • Pablo Picasso – Über Kunst
  • Hermann Kant – Die Aula
  • Neil Gaiman – Coraline
  • John Green – Looking for Alaska
  • Jane Austen – Emma
  • Jane Austen – Sense and Sensibility
  • Francis Bacon – New Atlantis
  • David Nicholls – Starter for Ten
  • Albert Einstein/Sigmund Freud – Warum Krieg?
  • Hector Malot – Heimatlos

belaufene Städte:

  • Berlin
  • Hamburg
  • Dublin
  • Köln
  • Rom
  • Mainz
  • Kerkyra
  • Venedig
  • Stuttgart
  • Bad Kreuznach

genossene Bands:

  • Lambchop
  • Yo La Tengo
  • Get Well Soon
  • Wir sind Helden
  • Calexico
  • Broken Social Scene
  • Alexi Murdoch

Years End Blues

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  • Published 8 years ago

Weil Jahresenden trotz allem immer Spuren von Melancholie enthalten. Weil man nichts besser mit Musik begegnen kann als Melancholie.

  1. Radiohead – You and whose army?
  2. Amos Lee – All my Friends
  3. Nick Drake – Hazey Jane I
  4. Hermann van Veen – Wenn ich mir was wünschen dürfte
  5. Jack Johnson – While We Wait
  6. Ben Harper – Power of the Gospel
  7. Monsters of Folk – Temazcal
  8. Wir sind Helden – Stiller

Das Ende

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  • Published 8 years ago

Hier, an dieser Kreuzung, hier haben wir gestanden, letztes Jahr, am selben Tag, ungefähr zur selben Zeit, du und ich. Damals gab es noch kein wir. Damals hast du schüchterne Blicke auf den Boden geworfen und ich versucht den Mittelpunkt der Erde in meinen Jackentaschen zu finden. Damals.

Heute gibt es kein wir mehr. Heute ist es zu Ende. Zu Ende, bevor es richtig anfangen konnte, bevor wir wir sein konnten, bevor alle Chancen ihre Zeit hatten.

Wir werden uns beide unsere Fehler nicht eingestehen, wir werden beide schweigen, versuchen zu vergessen. Was jetzt folgt ist die ewige Frage, wir sehr man eine möglicherweise falsche Entscheidung bedauern kann. Und wie gut man sich einreden kann, dass es eben doch keine falsche Entscheidung war und das man sie ja auch nicht allein, sondern im Grunde gemeinsam getroffen hat.

"Es ging ja gar nicht anders."

Das wird der bestimmende Satz sein. Wir wissen beide nur zu gut, wie dumm dieser Satz ist, doch wir wissen auch, wie gut er als Schutzschild vor der Wahrheit geeignet ist.