Wir, die Verlorenen – Teil 1

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  • Published 11 years ago

Ich sitze in der U-Bahn, allein mit meiner Musik, um mich herum leere, leicht eingedellte Sitzgruppen. Der Zug hat sich an der letzten Haltestelle abrupt geleert, übertage ist Party angesagt. Realitätsflucht, mitten in der Woche.

Während Thom Yorke sich kugelsicher jammert denke ich nach über diese Menschen, die nicht vor und nicht zurück können. Denen gar nicht viel mehr im Leben als die tägliche überlaute Musikdrönung bleibt. Ich bin einer von ihnen. Ich leugne es gerne, doch auch ich bin gefangen zwischen einer nicht aufgearbeiteten Vergangenheit und einer Zukunft, die ungewisser nicht sein könnte. Ständig auf der Suche nach Antworten, ohne die Fragen zu kennen. Immer auf der Flucht vor den bekannten Fragen.

Nächste Station. Du steigst ein, setzt dich in die Sitzgruppe mir schräg gegenüber. Dein Gesicht sieht erschöpft aus und doch strahlst du eine Energie aus, die mir fast ein bisschen Angst macht. Ich will dich ansprechen, dich fragen, wo du her kommst, was du denkst, warum du mich faszinierst. Doch das fragt man nicht. Glaube ich.

Für die Überwachungskamera sieht die Szenerie wahrscheinlich nicht anders aus als in jedem dritten U-Bahnwagen zu dieser Uhrzeit. Für mich bleibt die Welt stehen, als sich dein Blick schweifend auf die Suche begibt und an mir haften bleibt. Es läuft keine Musik mehr. Das merke ich erst, als ich verzweifelt nach Ablenkung vor deinen fragenden Augen suche. Was willst du? Was suchst du?