Wir, die Verlorenen – Teil 2

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  • Published 11 years ago

Wenn ich doch nur einen Grund hätte, dich anzusprechen. Ich bin nicht der Typ, der einfach auf Menschen zu gehen kann. Will ja selbst auch meistens meine Ruhe haben. Und doch, die äußeren Umstände treiben mich. Der außer uns leere Wagen, die künstliche, gerade anstrengende Helligkeit, dein bohrender Blick. Um meine Kommunikationsbereitschaft zu signalisieren nehme ich die Kopfhörer ab. Mein Versuch deinem Blick zu begegnen scheitert kläglich. Erneuter Anlauf. Es kann doch nichts passieren. Oder doch?

Nach einer kleinen Ewigkeit schaffen es meine Augen schließlich deinen zu begegnen. Du wirkst leicht irritiert, fast so, als ob du das nicht erwartet hättest. Für einen Moment glaube ich du würdest einfach aufstehen und durch die gerade noch offenen Türen flüchten.

Ein letztes Mal ganz fest die Zähne zusammenbeißen: “Warum?”

Mehr lässt mich meine Zunge nicht sagen. Mehr muss sie auch nicht sagen, du verstehst. Du verstehst und fängst zaghaft an zu erzählen von einem dieser Leben, die so verdächtig austauschbar klingen, dass jeder der Protagonist sein könnte. Du erzählst mir mein Leben, obwohl wir uns noch nie begegnet sind. Du erzählst mir, dass du nicht mit dem Rest feiern möchtest und dass du eigentlich viel lieber in unberührter Natur leben würdest. Ich bin sprachlos.

Endstation. Wir steigen aus, gehen nebeneinander vom Bahnhof, auf der Straße trennen sich unsere Wege. “Danke.” sagst du noch, dann biegst du um die Ecke.

Ich stehe auf der Straße, allein mit unseren Gedanken, um mich herum nichts als erzählte Schicksale die trotzdem immer wieder gelebt werden sollen.

Warum?