Wir, die Verlorenen – Teil 3

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  • Published 11 years ago

Das Hupen eines LKWs schreckt mich auf. Gefangen in unserer Gedankenwelt bin ich mitten auf der Straße gelaufen. Mitten in der Nacht. Da kommt ja sonst niemand. Wenn mich der Fahrer nicht rechtzeitig gesehen hätte wäre ich jetzt vielleicht nicht mehr. Das komische ist, dass mir der Gedanke daran keine Angst macht.

“Geht es dir gut?”

Nicht nur der Lastwagen wurde von Gedanken verdrängt, sondern auch du. Jetzt stehst du vor mir, siehst mich mit dem selben Blick an, mit dem du vorhin in die U-Bahn gestiegen bist, fragst ob es mir gut gehe. Dabei weißt du ganz genau wie es mir geht. Wir sind uns zu nah. Wir sind der Welt zu fern. Wir werden hier bleiben für diese Nacht.

Die Stunden vergehen, wir sitzen am Straßenrand und schweigen. Ich beobachte dich. Heimlich. Du beobachtest mich auch. Offensichtlich. Einzig die Sterne könnten dazu Geschichten erzählen, aber es sind keine Sterne am Himmel zu sehen. Großstadtschicksal.

Ein paar Straßen weiter schreien sich alte Menschen an. Du suchst Schutz. Ich habe doch auch Angst. Zwar nicht vor den alten Menschen, aber davor, so zu werden. Irgendwann, irgendwo, mit irgendwem sinnlose, zu laute Argumentationen zu führen. Tagein tagaus die selbe Leier. Die fehlende Tiefe der Jugenderlebnisse ausgetauscht durch die fehlende Breite des Erwachsenenalltags.

Das Morgengrauen schleicht langsamer heran als sonst. Alles wird ein bisschen langsamer, wenn man nicht allein ist. Ob wir uns wohl wiedersehen werden fragst du. Ob das denn gut wäre frage ich zurück. Du nickst, hast verstanden, was niemand versteht. Manchmal trifft man Menschen nur ein einziges mal. Genau dann ist für einen kurzen Moment mal alles gut.