Nina

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  • Published 10 years ago

Die letzten zaghaften Oktobersonnenstrahlen bahnten sich gerade ihren Weg an das verstaubte Fenster, zum Eindringen bereits zu schwach. Innen fehlte es auch nicht an Licht oder Wärme. Nur an Nähe.

"Nina." stand auf der Postkarte. Vorne drauf war eine Herbstlandschaft abgebildet. Nicht unähnlich derer, die draußen vom Abendnebel gefangen genommen wurde.

"Nina?" stöberten die Gedanken wie der die Blätter herunter zwingende Wind durch seinen Kopf. Er konnte sich erinnern. An jede einzelne Sekunde. Als sei es gestern gewesen. Dabei war das gar nicht sein Leben. Nina war das Mädchen aus seiner Lieblingsgeschichte. Geschichten schicken normalerweise keine Postkarten. Darauf brauchte er erstmal eine große Tasse Tee.

"Hallo,

wir kennen uns nicht und doch haben wir uns schon unzählbar oft getroffen. Ich weiß nichts über dich, nur vermuten kann ich, dass du mich magst. Die Seiten, auf denen ich geschrieben stehe, sind alt geworden. Zerschlissen beinahe. Deswegen wende ich mich an dich, meinen liebsten, treuesten, vorsichtigsten Leser. Den, der schon so lange und unerschütterlich versucht, mich zu ergründen, mich zu verstehen. Doch schau, ich möchte dir ein großes Geheimnis und ein kleines Geheimnis verraten: Wenn Autoren ein Werk vollendet haben, verraten sie diesem, was es ist, doch leider, leider war mein Autor ein bisschen verrückt, denn er kam damals zu mir und sagte: Du bist nicht, wer du sein solltest, wirst nie, wer du sein wolltest, und doch kannst du alles schaffen. Ich kann mir deinen verwirrten Blick gerade gut vorstellen. Ich bin es auch. Darum eine Bitte: Kauf ein neues Exemplar von mir, ich gehe kaputt.

Nina."